Kolumne von Can Dündar: "Ein Haus tausend Lügen" Cumhuriyet 18.02.2016 

Da ich die Geschichte der Hinterhalte unseres schönes Landes kenne, war ich nicht überrascht.

Kaum stand das Urteil des Verfassungsgerichts zu erwarten, kaum wurden in der Türkei und weltweit Stimmen laut, die „Freiheit“ sagten, kaum sollte das Unrecht eindeutig belegt werden, da wurde klar, die Rechnung würde nicht im „Duell“ beglichen werden können, es musste ein „Hinterhalt“ her.

Nun gut. Bitte sehr. Auch da bin ich dabei.

Kannst du dich politisch nicht behaupten, wirf „kommerziell“ mit Schmutz, dass ein Fleck bleibe.

Wie gut, dass ich Beamtensohn bin.

So wenig ich etwas von Geldsachen verstehe, so sehr überlege ich jeden Schritt dreimal, dokumentiere und zeichne alles auf, damit nicht der kleinste Fleck mir anhafte.

So kofferweise Geld wegschleppen, das gibt es bei uns nicht.

Ich will an den Anfang setzen, was ich am Ende sagen will:

Ich bin bereit, meine gesamte Karriere hinzugeben, wenn es um ein zu Unrecht verdienten Groschen geht, ja, um einen einzigen Groschen.

Die Männer des Hinterhalts sollen nur kommen.

***

Der Schmutz, mit dem sie uns bewerfen, ist ein Haus, das ich mit meiner Frau nach 25-jähriger Berufstätigkeit in Ankara kaufte.

Als wir uns zum Umzug nach Istanbul entschlossen, boten wir es zum Verkauf an. Weil Immobilien in Ankara aber kein Geld bringen, warteten wir zwei Jahre, bis es endlich verkauft werde.

Derweil kam das arme Haus überall ins Gerede, von [Bürgermeister] Melih Gökçek bis hin zur Akit-Zeitung.

Waldgrundstück der Middle Eastern Technic University“, hieß es. Ich veröffentlichte die Katasterauszüge auf meiner Website.

Illegaler Bau, hieß es, ich legte den Grundbucheintrag vor.

Wir gaben dann die Hoffnung auf einen Verkauf auf und zogen um.

Nach zwei Jahren sagte der xte Makler: „Ich habe einen Käufer gefunden.“

Wir freuten uns.

Aber der angebotene Kaufpreis lag weit unter Wert.

Um aber den Kredit für das neue Haus abzuzahlen, war ich gezwungen zu verkaufen.

So verkauften wir mit Bedauern an einen uns unbekannten Anwalt.

Der Anwalt überwies uns die Summe, für die er einen Bankkredit aufgenommen hatte.

In dem Augenblick war das Geld für uns verloren, weil es mit unserem Kredit verrechnet wurde.

Dass wir im Nachteil waren, belegt der Gutachterbericht.

All das weiß auch MASAK, die Steuer- und Finanzfahndung, die unsere Konten wegen der jüngsten Ermittlungen unter die Lupe nahm.

Hey, du Intrigant mit dem Mini-Verstand:

Wenn der Mann in der Lage wäre, Bestechung in Aktenkoffern rüberzuschieben, warum sollte er sich dann ewig mit Maklern herumschlagen?

Und hey, Verstand, der sich all das ausgedacht hat:

Falls du in einem Job wie der Staatsanwaltschaft arbeitest …

Dann musst du dein Hirn noch ein wenig mehr trüben, um mein Register, auf das ich all die Jahre so sehr acht gegeben habe, zu beschmutzen.

Selbstverständlich rechnen wir eines Tages ab.

Das endet nicht so auf halbem Weg.

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Bir ev bin yalan" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/483133/Bir_ev_bin_yalan.html


Kolumne von Can Dündar: "Liebe ist Widerstand" Cumhuriyet 14. 02. 2016

Julius Fučik wurde an einem milden Frühlingsabend von den Nazis verhaftet.

Als Chefredakteur der von der tschechischen KP herausgegebenen Zeitung gehörte er zu den Anführern des Widerstands.

Im Gefängnis wurde er schwer gefoltert. Doch er schwieg.

Nach sechs Wochen probierten die Nazis eine Methode aus, von der sie annahmen, damit seinen Widerstand brechen zu können. Gegen 3 Uhr morgens brachten sie seine Frau Augustina zu ihm in die Zelle. Augustina hatte ihre Mann für tot gehalten.

Sie stand noch unter Schock, als der Nazi-Kommissar sie fragte: „Kennst du den?“

Der Mann vor ihr war kaum noch zu erkennen, aber sie hatte ihn natürlich erkannt.

Damit seine Frau seinen wahren Zustand nicht bemerke, versuchte Fučik das Blut, das sich in seinen Mundwinkeln sammelte, herunterzuschlucken. Doch vergebens, er blutete im ganzen Gesicht und bis zu den Fingerspitzen.

Augustina gab ihre Angst nicht mit dem kleinsten Blick zu erkennen. „Nein, ich kenne ihn nicht“, sagte sie.

Der Kommissar glaubte ihr nicht.

Er stieß Augustinas zu Fučiks blutigem Gesicht hin.

Überzeug ihn!“, forderte er sie auf. „Überzeug ihn davon, zu Verstand zu kommen. Wenn er schon nicht an sich denkt, soll er an dich denken. Ihr habt eine Stunde, denkt nach. Seid ihr weiter halsstarrig, werdet ihr heute Nacht erschossen. Beide …“

Mit Blicken streichelte Augustina ihren Mann und sagte: „Das ist keine Drohung für mich. Ich habe eine letzte große Bitte: Wenn ihr ihn erschießt, erschießt auch mich.“

Fučik versuchte zu lächeln, ein Abschiedslächeln. Doch es erstickte in seinem blutigen Mund.

Sie brachten Augustina weg.

Die beiden Liebenden sahen sich nie wieder.

Rund ein Jahr nach dieser Gegenüberstellung wurde Augustina in ein KZ in Polen gebracht.

Fučik wurde im August 1943 zum Tode verurteilt.

Am 8. September 1943 wurde er in Berlin gehängt.

 

Das ist noch nicht das Ende.

Als Hitler im Frühjahr 1945 kapitulierte, gehörte Augustina zu den Häftlingen in Polen, die die Faschisten keine Zeit gefunden hatten, in der Folter zu töten. Nur noch Haut und Knochen, kam sie frei.

Unverzüglich kehrte sie in die Tschechoslowakei zurück und suchte nach ihrem Mann. Sie erfuhr, dass er hingerichtet worden war. Doch zugleich erfuhr sie noch etwas:

Fučik hatte in seiner Prager Zelle mit einem Stift, den ein tschechischer Wärter eingeschmuggelt hatte, mal auf Zigarettenpapier, mal auf einer Heftseite kurze Notizen geführt, die hatte er nummeriert und Stück für Stück heimlich nach draußen bringen lassen. Jedes Blatt befand sich bei jemand anderem.

Zuerst machte Augustina den Wärter ausfindig und ließ sich die Notizen geben, die er aufbewahrt hatte. Dann ging sie auf die Suche nach den anderen Blättern und trug die von treuen Freunden versteckten nummerierten Seiten zusammen. Im Schatten des Galgens geschriebene Zeilen waren das. Mit klopfendem Herzen las sie die kleinen Notizen.

Nach ihrer Gegenüberstellung in seiner Zelle hatte er Folgendes notiert:

So ist meine Gustina, prachtvolle Liebe und ungeheure Kraft …

Sie können uns unser Leben nehmen, nicht wahr, Gustina, aber unsere Liebe und Würde nicht.

Sie erlaubten uns nicht, Abschied zu nehmen, uns zu umarmen, uns auch nur die Hand zu reichen. Du und ich wissen, dass wir uns höchstwahrscheinlich nie wiedersehen werden. Dennoch höre ich deinen Ruf aus der Ferne:

Auf Wiedersehen, Liebster!

Leb wohl, fürs erste …“

 

Mit diesen Zeilen nahm Fučik Abschied von seiner Frau, doch demselben Brief fügte er eine hoffnungsfrohe Möglichkeit hinzu:

Kannst du dir ausmalen, wie wir leben werden, wenn wir wieder zusammenkommen, nachdem all das ausgestanden ist? Wiedersehen in einem freien Leben, in einem von kreativer Freiheit verschönerten Leben … Wenn wir all die Dinge haben werden, nach denen wir uns jahrelang sehnten, um die wir uns geduldig bemühten, für die wir jetzt in den Tod gehen …

Selbst wenn wir (an jenem Tag) nicht mehr Leben sind, leben wir doch in einem winzigen Teil der großen Freude der Menschheit weiter. Auch wenn wir jetzt zur Trennung gezwungen sind, streichelt uns diese Möglichkeit doch das Herz.“

 

Augustina veröffentlichte diese Notizen in ihrem freien Land. Sie wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Vor zwei Monaten schließlich erschienen sie in der wunderbaren Übersetzung von Celal Üster auf Türkisch im Verlag Yordam Kitap. Und gelangten zu mir in die Zelle.

Als Häftling im Gefängnis möchte ich euch, weil das doch passt, mit der unsterblichen Liebe von Fučik und seiner Gustina einen Gruß zum Valentinstag senden.

Behalten wir im Gedächtnis, dass in der Freude, die die Menschheit erringen kann, Salz und Blut, Liebe und Leidenschaft dabei ist.

Ihr wisst es schon, Liebe ist Widerstand.

Hören wir nie auf damit.

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Aşk direnmektir" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/480795/Ask_direnmektir.html


Kolumne von Can Dündar: "Gegen die Windmühlen" Cumhuriyet 13. 02. 2016

Ich bin Chefredakteur der Cumhuriyet, der ältesten linken Tageszeitung der Türkei. Am 26. November 2015 wurde ich aufgrund der Anschuldigung, ein „Staatsgeheimnis“ in einer Nachricht preisgegeben zu haben, inhaftiert und in eine Einzelzelle in einem Gefängnis in der Nähe von Istanbul gesperrt.

An jenem ersten Abend, an dem ich noch keine Zeitungen und kein Fernsehgerät hatte, sagte man mir, ich könne ein Buch aus der Gefängnisbibliothek bekommen.

Ich bat um Don Quijote.

Durch die Kälte der ersten Nacht begleitete mich Cervantes. Ein christlicher Gefangener sagt in dem Buch:

„Ich ließ nie die Hoffnung fahren, wieder freizukommen.“

Genau … wie ich … vom Moment meiner Verhaftung an …

Bei dem Gefangenen, der da in dem Buch spricht, handelt es sich vermutlich um Cervantes selbst. Weiter sagt er:

Sie stecken die christlichen Gefangenen in Gefängnisse gleich Häusern. Einige wurden in der Verwaltung beschäftigt. Für die bestand kaum Aussicht, wieder freizukommen.“

Cervantes gehörte wohl zu ersten Gruppe, ich zur zweiten.

Wenn Journalismus ein Beruf von „öffentlichem Interesse“ ist, scheint meine Freilassung weit.

Wie jedes autoritäre Regime hat auch die türkische Regierung die Tendenz, Journalisten als Staatsbeamten zu betrachten. Wir dagegen glauben, unser eigentlicher Arbeitgeber sind unsere Leser und unser Gewissen.

Der Grund für meine Verhaftung hing unmittelbar mit dieser Auseinandersetzung zusammen.

Der Staat beging verborgen vor seinem Volk und vor dem Parlament eine Straftat, indem er auf illegalen Wegen Waffen nach Syrien lieferte.

Er wurde auf frischer Tat ertappt.

Wir veröffentlichten die Aufnahmen der Konvois des Geheimdienstes, die den Transport durchführten.

Die Regierung konnte es nicht dementieren. Aber Staatspräsident Erdoğan drohte: „Dafür werdet ihr bezahlen.“

Wir hatten das „Staatsgeheimnis“ aufgedeckt. Das war teuer.

Wir hingegen sagten: „Wenn der Staat eine Straftat begeht, kann die Presse dem nicht zuschauen. Eine Straftat kann nicht unter der Maske Geheimnis verschleiert werden.“

Wenn die Regierung in den Krieg bei einem Nachbarn eingreift, hat die Bevölkerung, deren Sicherheit in Gefahr gerät, ein Recht darauf, davon zu erfahren.

Die Antwort auf diese These von uns war der Haftbefehl.

Das Gericht steckte uns wegen „Spionage“ und „Veröffentlichung geheimer Staatsdokumente“ mit der Forderung nach zweimal lebenslänglicher Haft ins Gefängnis.

Nicht nur ich, auch die Staatsanwälte und der Gendarmeriebefehlshaber, die die Konvois stoppten, wurden verhaftet.

Das waren die Staatsdiener, die Cervantes als Verwaltungshäftlinge bezeichnete.

Sie würden den Preis dafür bezahlen, sich nicht zu Komplizen gemacht zu haben.

Mittlerweile sitze ich seit über zwei Monaten in Isolation im Gefängnis bei Istanbul und warte auf den Prozess.

Über fünf Jahrhunderte nach Cervantes wundere ich mich darüber, wie leicht es ist, in Haft zu kommen, und wie schwierig, die Freiheit wiederzuerlangen.

All unserer Mahnungen zum Trotz versinkt die Türkei tagtäglich tiefer im Sumpf von Syrien.

Doch der Kampf des Menschen um Wahrheit und Freiheit ist auch nach Jahrhunderten nicht zu Ende.

Und manchmal muss man sich um dieses Kampfes willen allein auf den Weg machen und den Windmühlen die Stirn bieten.

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Yeldeğirmenlerine karşı" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/480396/Yeldegirmenlerine_karsi.html


Kolumne Can Dündar: "Ich schreie auf: Das ist eine Riesenlüge" Cumhuriyet 12. 02. 2016

In der gemeinsamen Pressekonferenz mit Merkel gab Ministerpräsident Davutoğlu auf die Frage nach uns im Gefängnis und den Rechtsverletzungen im Südosten der Türkei eine „Erdoğan-Antwort.“

Dass du diese Frage stellst, zeigt doch, dass es bei uns Pressefreiheit gibt“, sagte er.

In Demokratien ist der Maßstab für Pressefreiheit nicht der Mut, eine Frage zu stellen, sondern ob der Fragesteller dafür in Gefangenschaft gerät oder nicht.

Da Journalisten, die diese Frage in der Türkei stellen könnten, sich nicht für das Flugzeug des Premierministers oder seine Pressekonferenzen akkreditieren können, oder da jene, die solche Fragen stellen, Probleme bekommen, war es ein Vertreter der deutschen Presse in Merkels Begleitung, der die Frage stellen konnte. So kam zum Vorschein, wie von Seiten der türkischen Regierung ungewollte Fragen (nicht) beantwortet werden.

Kurz gefasst wollte der Premier sagen: „Du hast gefragt und bist noch nicht im Gefängnis, freu dich.“

Das ist wahr, denn die Mehrheit der Fragesteller sitzt jetzt im Gefängnis oder ist arbeitslos …

In der Antwort hieß es: „Kein Journalist ist wegen seiner Journalistentätigkeit in Haft.“

Das ist gelogen.

Vor aller Welt möchte ich aufschreien: das ist eine Riesenlüge!

Wer Beweise dafür sucht, möge in unsere Anklageschrift schauen.

Da findet sich viel Schrift und wenig Anklage.

Man beschuldigt uns allein aufgrund von Berichten und Kommentaren, die wir brachten, also aufgrund von Journalistentätigkeit.

Wir sind zwei Häftlinge, die die Worte des Premierministers Lügen strafen.

Obwohl Merkel sehr wohl um diese Tatsache weiß, ist ein Fazit ihrer Haltung: „Haltet uns die Flüchtlinge vom Leib und tut ansonsten, was immer ihr wollt“, dass sie Davutoğlu den Ball zuspielt.

Die Protokolle des G20-Gipfels, die vorgestern an die Presse durchsickerten, sind peinliche Belege dafür, wie hinter verschlossenen Türen Europa seine Werte gegen seine Interessen austauschte.

Es stellt sich heraus, dass die Veröffentlichung des Fortschritts-(Rückschritts-?)Bericht, der belegt, wie die Freiheit in der Türkei mit Füßen getreten wird, auf Verlangen Erdoğans bis nach den Wahlen hinausgeschoben wurde. Wozu? Um, wie der Stellvertretende Ministerpräsident es ausdrückte, „drei Groschen zu zahlen“ und in Anatolien ein Camp zu errichten.

Erdoğan benutzte die Flüchtlingsansturm-Sorge Europas meisterlich.

Als 10 Personen zusammenkamen, wurden Wasserwerfer gegen sie aufgefahren, ihr erinnert euch, als Tausende Flüchtlinge zu den Grenzübergängen im westtürkischen Thrakien unterwegs waren, drückte man beide Augen zu. Das war eine Warnung an Europa:

Zahlst du nicht, öffne ich die Grenzübergänge!“

Zehntausende Flüchtlinge werden bei diesem schmutzigen Gefeilsche als Erpressungsmaterial benutzt.

Die Erpressung führte dazu, dass die Rapporte, die belegen, dass „die Türkei auf Despotismus zusteuert“, außer Kraft gesetzt wurden.

Was ist das anderes als Menschenhandel?

Die Protokolle bringen ans Tageslicht, dass der alte Kontinent dabei ist, seinen Atem auszuhauchen.

Als inhaftierter Journalist möchte ich den Akteuren bei diesem Handel zurufen:

Das Kind, dessen Leichnam an den Strand gespült wurde, beobachtet vom Himmel aus mit Abscheu den Pferdehandel, den ihr über seinem ertrunkenen Körper abschließt.“

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Haykırıyorum bu koca bir yalan"

http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/479703/Haykiriyorum__bu_koca_bir_yalan.html


Kolumne von Can Dündar: "Das anvertraute Taschentuch" Cumhuriyet 02.02.2016 

In Silivri klopft das Glück zu bestimmten Zeiten an deine Tür:

Besuch für dich.“

Post für dich.“

Paket für dich.“

Die Tage für Besuch und Postverteilung sind festgelegt. Bei Päckchen weiß man nie. Manchmal werden sie zwei Wochen lang nicht ausgeteilt. Als ich nach dem Grund dafür fragte, lautete die Antwort:

Das hängt vom Hund ab.“

Es gibt nämlich einen Hund, der alle im Gefängnis ankommenden Pakete beschnuppern muss. Weil er so viel zu tun hat, kommt es zu Verzögerungen in der Paketauslieferung.

Als ich das hörte, murmelte ich: „Vahim! Das ist bestimmt er!“

Sie wissen ja, nach den Staatsanwälten und Gendarmen, die die MIT-Konvois stoppten, wurde auch der Hund, der bei der Operation erschnupperte, dass keineswegs „humanitäre Hilfsgüter“, sondern eindeutig Waffen transportiert wurden, seines Postens enthoben und in die Verbannung geschickt. Er hieß Vahim: Schlimm.

Dem ergeht es sicher auch schlimm“, dachte ich.

Als ich von der Sache mit den Paketen hörte, fiel mir ein, dass Vahim-Schlimm auf den Posten des Paketeschnüfflers in Silivri versetzt worden sein könnte.

Wahrscheinlich auch lebenslänglich…

 

Die Zeremonie des Auspackens

Wie auch immer …

Hat dein Päckchen die Schnupperkontrolle passiert, geht es folgendermaßen weiter:

Die Klappe in deiner Tür öffnet sich. Ein Mund brüllt herein:

Can Dündar! Paket für dich!“

Das ist eine Nachricht wie die frohe Botschaft: „Der Weihnachtsmann kommt dich besuchen.“

Du trittst aus der Zelle hinaus und wirst – wie immer – durchsucht, dann wirst du von zwei Beamten zur „Paket-Verteil-Stelle“ gebracht. Dort sind etwa zehn Vollzugsschutzbeamten und Soldaten anwesend. Und die auf den Tisch gehäuften Geschenkpäckchen.

In einer Weise, die an die Zeremonie bei Hochzeiten erinnert, wenn dem Brautpaar Geldscheine an die Kleidung geheftet werden, werden deine Pakete vor der Kommission geöffnet.

Im Unterschied zum aufregenden Geschenkeauspacken unter dem Weihnachtsbaum öffnen hier allerdings andere deine Geschenke. Weit von jener aufregenden Stimmung entfernt, schaust du nur stellvertretend zu.

Ein Beamter notiert Paketnummer, Absender und Absendedatum und lässt dich unterschreiben. Dann öffnet ein anderer Beamter das Paket.

Meistens sind es Bücher. Manchmal kommen auch Hefte, Stifte, Notizblöcke, Pullover, Wolljacken, Schals und abgedrehte Geschenke zum Vorschein.

Mal neidisch, mal lächelnd beobachtest du die Zeremonie. Die Namen auf den Paketen stammen mal von engen Freunden, mal von völlig Unbekannten. Manchmal enthält das Paket böse Streiche, manchmal Bedarfsartikel.

 

Verbotene Handschuhe

Nun glaub ja nicht, du klemmst dir die Geschenke unter den Arm und kehrst wie von einem Weihnachtseinkauf in deine Zelle zurück.

Das meiste behält die Verwaltung ein.

Bücher werden vor deinen Augen ausgeschüttelt und darauf kontrolliert, ob eine geheime Botschaft darin steckt, dann werden sie der „Untersuchungseinheit“ überstellt, um dir später ausgehändigt zu werden.

Dinge, die in der Kantine erhältlich sind, darf man nicht annehmen, deshalb werden Hefte und Stifte nicht ausgehändigt, manchmal gibt es Genehmigung für besondere Notizblöcke.

Auf Pullover, Strickjacken, Hemden usw. hast du nur in bestimmter Anzahl ein Anrecht.

Kommt über die drei zugestandenen Pullover hinaus ein neuer an, bekommst du den nur, wenn du einen von den anderen dafür hergibst. Kommt nicht infrage, sich im Knast eine Garderobe anzulegen. Mit der Zeit entsteht aber im Depot ganz unabhängig von dir eine Garderobe. In meinem Depot befinden sich zum Beispiel im Moment 2 Pullover, 1 Strickjacke, 1 Pyjama, 4 Stifte, 2 Hefte, 6 Tuben Zahnpasta, 1 Paket Pflaster, 1 Gebetskette mit 33 gelben Kugeln und getrocknete Blüten, die aus Buchseiten fielen.

Ein Set Bettwäsche von draußen zu erhalten ist verboten. Denn angeblich werde die in Drogen getaucht, gewaschen und getrocknet, ohne ausgespült worden zu sein. Es gibt angeblich Insassen, die sie hier in Wasser lösen und sich bedröhnen. Ich gebe nur wieder, was die Beamten von der Paketstelle sagen.

Zuletzt haben sie ein Paar rote Handschuhe von mir beschlagnahmt.

Dabei hatte ich mich schon darauf gefreut, eine Schneeballschlacht mit Erdem zu machen.

Warum bekomme ich die nicht?“

Darin kann man etwas verstecken“, hieß es. „Schreiben Sie ein Gesuch, wenn Sie sie brauchen.“ So schreibe ich denn nicht an die Verwaltung, sondern an euch: wenn ich hier herauskomme, werde ich jeden Winter rote Handschuhe tragen, als Andenken an Silivri…

 

Das unschätzbar wertvolle Geschenk

Kommen wir zu dem, was mir richtig wehtat.

Letzten Monat war in der Post ein blauer Umschlag dabei, darin ein weißes Blatt Papier mit zwei handgeschriebenen Zeilen:

Ein Andenken aus der Schublade meines Vaters in der Hoffnung, es möge Ihnen das Herz wärmen.“

Unterschrift: Nükhet.

Doch leider war der Umschlag leer.

Mit Tesa war ein Zettel daran befestigt, darauf stand:

In dem Umschlag war ein (1) Stück Taschentuch. Das Taschentuch wurde der Objektaufbewahrungseinheit überstellt.“

Natürlich hatte ich verstanden…

Das war das Taschentuch von Abdi İpekçi.*

Seine Tochter Nükhet hatte es vermutlich hereingeschickt, als sie zur „Mahnwache Hoffnung“ nach Silivri gekommen war.

Die Untersuchungskommission, wer weiß, welche Gefahr sie in dem Taschentuch erkannte, hatte beschlossen, dieses unschätzbar wertvolle Geschenk zu beschlagnahmen.

Darüber war ich wirklich traurig.

Der Aufbewahrungsstelle in Obhut gegebene Dinge

Gestern war der 1. Februar…

Der Jahrestag der Ermordung Abdi Ipekçis, des legendären Namens unseres Berufsstandes.

Der Chefredakteur der Cumhuriyet gedachte in einer Gefängniszelle des Chefredakteurs der Milliyet, der in jüngerem Alter als er selbst ermordet worden war. So übernahm er den verfluchten Stab.

Das 37 Jahre darauf aus seiner Schublade mir zugesandte Geschenk wird in eine Schachtel im Aufbewahrungsdepot in Silivri gesteckt, wie um zu sagen: „Für dich ist die Pein noch nicht vorbei.“ Gefangen gleich mir in einer Haltung von Paranoia, Angst und Hass, die sich einfach nicht bessern will. Das „mir anvertraute Gut“ in der „Obhut“ der Aufbewahrungsstelle, mir verboten.

Das kleine Zelt der Mahnwache vor dem Tor von Silivri hatte der Reihe nach Besuch von den Angehörigen unserer großen Vorbilder, die diesem Hass zum Opfer fielen:

Nükhet İpekçi (Tochter von Abdi Ipekçi)

Güldal Mumcu**

Dolunay Kışlalı***

Zeynep Altıok****

Und wir sind bemüht, den von ihnen übernommenen Stab in einer ihnen würdigen Art weiterzutragen.

Ihre Prinzipien tragen wir in unserem Geist, ihre uns in Obhut gegebenen Dinge im Herzen.

 

*Abdi İpekçi: der Journalist und langjährige Chefredakteur der Milliyet war 1979 von dem späteren Papst-Attentäter Ağca ermordet worden.

**Güldal Mumcu: CHP-Parlamentsabgeordnete und Ehefrau des 1993 ermordeten Juristen und investigativen Publizisten Uğur Mumcus, der u.a. für die Cumhuriyet schrieb und zahlreiche Bücher zu brisanten Themen herausbrachte.

***Dolunay Kışlalı: Tochter des 1999 ermordeten Politikwissenschaftlers, CHP-Politikers, Publizisten und Cumhuriyet-Kolumnisten Ahmet Taner Kışlalı.

****Zeynep Altıok: Tochter des 1993 beim anti-alevitischen Massaker von Sivas umgekommenen Dichters Metin Altıok.

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Emanet Mendil" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/473920/Emanet_mendil.html


Kolumne von Can Dündar: "Wären wir doch Mörder!" Cumhuriyet 30.01.16

Zwei Aghas auf 10 Quadratmetern!

Als ich erfuhr, dass unsere Anklageschrift erstellt wird, war ich im Krankenhaus. Traurige Gesichter sagten: „Tut uns leid.“

Seid nicht traurig“, sagte ich, „wären ein paar Jahre Haft gefordert, hätte ich es ernst genommen, aber zweimal lebenslänglich – in den Müll damit! Das zeigt doch, dass nichts dabei herauskommen wird.“

Offensichtlich fühlte sich der Staatsanwalt nicht „an die Gesetze gebunden“, sondern schmiss sich maßlos ran. Er fordert für uns die Strafe, die Öcalan bekam. Nach der alten Rechtsprechung wäre das die Todesstrafe gewesen… Nicht genug damit, ich müsste wiedergeboren werden und den Rest absitzen.

Die Höhe der geforderten Strafe zeigt, wie groß die Angst ist. Na, das ist begründet. Sie haben ein schweres Verbrechen begangen und wurden auf frischer Tat ertappt. Da sind sie jetzt natürlich in Panik.

Komplimentschrift

Zurück in Silivri hatte sich mein Gang geändert. Wer sitzt, weiß es: zu „lebenslänglich unter verschärften Bedingungen Verurteilte“ steigen zum Agha, zum Herrn der Zelle auf. Bei uns in der Zelle sitzen nur Erdem und ich.

Leider… Da wir nun beide „erschwerte Lebenslängliche“ sind, kommen zwei Aghas auf zehn Quadratmeter. Da nimmt die Bedeutung ab. Aber unser Ansehen im Knast ist explodiert.

Wie auch nicht, ich bin ein Journalist, der imstande ist, „unter Gewaltanwendung die Regierung zu stürzen.“

Welcher Wahnsinnige will mich in Ketten legen, ich staune!“

Als ich schrieb, worüber doch alle schrieben, wurde ich gewissermaßen zur Arbeit im Steinbruch verurteilt, welch ein Kompliment für meine Zeitung und mich!

In der Zelle werfe ich mich in die Brust, als hätte ich keine Anklageschrift, sondern eine Komplimentschrift erhalten!

Es ist euer Job, auf Anweisung zu schreiben

Dann zeigten unsere Anwälte uns die Anklageschrift, wie sie an die Presse durchgesickert war. Ein bisschen langweilig fand ich sie. Ich lese nicht so gern Texte wieder, die ich früher mal geschrieben habe. Aber dem Staatsanwalt gefielen sie offenbar. Ganze 52 Stück hat er zusammengestellt. Wenn ich da an das Copyright denke! Ich kam nicht umhin, insgeheim Bewunderung zu empfinden.

Doch wo es heißt, ich hätte auf Anweisung geschrieben, da verwechselt er mich mit anderen. Mir erteilt niemand Anweisungen.

Man muss sich doch ein Beispiel an Vorgängern im Staatsanwaltsam nehmen, man muss doch ein paar falsche Beweise als Beleg für diese angeblichen Anweisungen unterbringen!

Hoffentlich beginnt der Prozess bald, dann werden wir der Welt zurufen, wer wem welche Anweisung erteilt hat…

Das bleibe unter uns

Der Staatsanwalt fängt beim Aufzählen unserer Schuld im Jahre 66 nach Christus an, bei den „Zeloten“. Als die Erde noch ein Feuerball war, haben wir angeblich schon dem Terror sein Nest bereitet.

Rasch blätterte ich durch die Seiten dieses langweiligen Geschichtsbuches und werfe auf der letzten Seite einen Blick auf die Antwort zu der Frage „Wer war der Mörder?“.

Nanu?

Der letzte Satz lautet: „Es wird gefordert, für die gesamte Zeit der Verhandlungen die Öffentlichkeit auszuschließen.“

Wieso das denn?

Wir haben nichts zu verbergen. Jeder soll mit dem, was er hat, offen auf den Markt treten. Jeder soll es sehen und wissen.

So nicht!

 

Was wurde in jenem Raum gesprochen?

Als ich in der Anklageschrift blätterte, klangen mir die Ohren von der weisen Diagnose, die der selige Ilhan Ağabey damals zu seiner gestellt hatte:

Die Anklageschrift ist ein Desaster! Für die Zukunft unseres Staatsanwalts sehe ich schwarz!“

Als wir am 26. November antraten, um unsere Aussage zu machen, erinnerte ich unseren Staatsanwalt daran, wohin der Hochmut Zekeriya Öz geführt hatte.

Unser war anders als Öz, er empfing uns sehr höflich und bot uns Tee/Kaffee an.

Dass einer der Kläger denselben Familiennamen wie Hakan Fidan trägt, sei reiner Zufall, sagte er. Seltsamerweise sprach er nichts in der Art an wie, ich hätte auf Anweisung geschrieben. Er sagte sogar: „Die lachen uns aus, wenn wir sagen, Can Bey ist Mitglied der Organisation.“

Ich bin also kein „Mitglied“, hätte aber bewusst oder unbewusst – in meinen Texten – die Organisation logistisch unterstützt.

Wenn Sie mit Organisation die Fethullah-Gülen-Leute meinen, hätten wir im Verbund mit denen darauf hingewiesen, wie gefährlich der Wille ist, der uns hierherzitiert hat.“

Wenn jemand wegen logistischer Unterstützung anzuklagen ist, dann Recep Tayyip Erdoğan, der sagte: ‚Was haben sie denn gefordert, das wir nicht gegeben hätten’.“

Natürlich war das Thema schnell durch.

Ist ein Nacktfoto von mir eine Nachricht?

Der Herr Staatsanwalt wusste besser als wir, dass die Konvois Waffen transportierten:

Kann eine Geheimdienstorganisation offen sagen: ‚Ich transportiere Waffen’?“, fragte er.

Nein“, sagte ich, „aber wenn es sich dabei um eine illegale Lieferung handelt, wenn also der Staat eine Straftat begeht, dann kann kein Journalist das geheimhalten.“

Ist denn für Sie alles eine Nachricht?“, fragte der Herr Staatsanwalt und gab ein überraschendes Beispiel:

Wäre es eine Nachricht, wenn Sie ein Nacktfoto von mir auftreiben und drucken?“

Ein Nacktfoto von Ihnen zu veröffentlichen hätte keinen Nutzen für die Öffentlichkeit“, gab ich zur Antwort. „Aber wenn der Staat bei einer illegalen Tat nackt erwischt wird, dann ist es zum Nutzen der Öffentlichkeit, das zu veröffentlichen.“

Ich zog den Unfall von Susurluk* als Beispiel heran. „Auch das war ein Staatsgeheimnis. Auch da wurde der Staat nackt erwischt und wie gut, dass das schmutzige Beziehungsgeflecht ans Tageslicht kam. Die Türkei wurde aufgeklärt.

Und wenn der Staat hier eine Straftat begeht, wenn er die Türkei ohne Wissen des Parlaments in den Sumpf von Syrien, in den Krieg hineinzieht, dann ist es die Aufgabe der Presse, die Öffentlichkeit darüber zu informieren.“

Diese Verteidigung brachte uns dann zunächst den Haftbefehl ein und mit der Forderung nach einmal Lebenslänglich und einmal Lebenslänglich unter verschärften Bedingungen vor Gericht.

Gewaltkomplex

Die Öffentlichkeit kennt den „eigentlichen Staatsanwalt“. Erst gestern sagte der: „Wir wollen keine Trennung, keinen Unterschied zwischen den Gewalten.“

Ich finde auch, wir sollten die Justiz nicht umsonst bemühen. Staatsanwaltschaft, Zivil-Straf-usw., eine Menge Papiere, Stifte, Zeitverschwendung…

Im Ein-Parteien-Staat sollte Legislative-Exekutive-Judikative in der Hand eines Präsidenten zusammengefasst sein. Es sollten keine Staatsanwälte damit beschäftigt sein, 500 Seiten Geschichte aus 2000 Jahren auf- und meine Texte abzuschreiben, um Leute, die gegen den Präsidenten aufmucken, hinter Gitter zu bringen.

Der Staat soll sich nicht um Vorschriften und Rechtswesen kümmern müssen.

Die Gewalten sollen sich nicht teilen, sie sollen sich vereinen, sollen eine Einheit sein.

Alle sollen sich in einem Komplex zusammenfinden.

 

Wer in Haft – wer auf freiem Fuß

Wären wir doch Mörder

Wir sind inhaftiert, nur weil wir zum Stift gegriffen, geschrieben und eine Nachricht gebracht haben, dafür wird zweimal Lebenslänglich (und als Bonus obendrauf noch mal 30 Jahre) gefordert.

Ich hab nachgefragt, wer diejenigen sind, die während ihrer Prozesse auf freiem Fuß sind.

Unsere begabte Gerichtsreporterin Canan Coşkun hat die Fälle, die ihr auf Anhieb einfielen, aufgelistet und hergeschickt.

Schauen Sie, wir sind gefährlicher als die hier:

1) Auch der letzte inhaftierte Verdächtige der Schläger, die aufgrund eines unglücklichen Zufalls Ahmet Hakan verprügelten, wurde vorgestern freigelassen. Gemeinschaftlich einen Journalisten überfallen, ist kein Straftatbestand, der einen Haftbefehl erfordert.

2) Sedat Peker ist auf freiem Fuß, denn AkademikerInnen zu sagen: „Wir werden euer Blut in Strömen vergießen und in eurem Blut duschen“, ist kein Straftatbestand, der einen Haftbefehl erfordert.

3) Engin Dinç, Reşat Altay, Ahmet Ilhan Güler, zu denen es bei den Ermittlungen in der Mordsache Hrant Dink heißt, sie hätten „Grund für Tod durch bewusste Unterlassung“ gegeben, sind auf freiem Fuß. Gleich diesen Polizisten und Geheimdienstlern ist auch Erhan Tuncer, dem Aufstachelung vorgeworfen wird, während der Verhandlungen auf freiem Fuß.

4) Ilyas Aydın, der für fünf verschiedene Taten verantwortlich gemacht wird, darunter die Massaker in Ankara und Suruç, ist auf freiem Fuß. Wir sind keine „Organisationsmitglieder“, Aydın wird vorgeworfen, „Organisationsanführer“ zu sein.

5) Auch die 25 Verdächtigen sind frei, denen vorgeworfen wird, wegen Nachlässigkeit den Tod von zehn Personen beim Torunlar-Baustellenunfall verantwortet zu haben. Die Verhandlungen gegen sie alle werden geführt, ohne dass sie in Haft sind.

6) Dann war da noch dieser Polizist, der ein junges Mädchen in Armutlu vor ihren Eltern und ihrem Bruder bei der Razzia in ihrer Wohnung tödlich in die Brust schoss. Auch der ist während des Prozesses auf freiem Fuß. Gegen Dileks Familie jedoch kann Haftbefehl erlassen werden, denn gegen sie wurden Ermittlungen wegen „Widerstands gegen die Polizei“ eingeleitet.

7) Fünf Personen, die drei Menschen, darunter einen Deutschen, in Malatya die Kehlen durchschnitten, wurden freigelassen, der Prozess wird gegen sie geführt, während sie auf freiem Fuß sind.

8) Auch die beiden Verdächtigen, die einen bewaffneten Überfall auf den Bus der Fenerbahçe-Mannschaft verübte, bleiben während des Prozesses auf freiem Fuß.

9) Der Enkel von Dündar Kılıç wurde freigelassen, während der Prozess gegen ihn wegen Mordes an einem Geschäftsmann noch läuft. Auf freien Fuß gesetzt, verwundete er den Angestellten eines Restaurands, seine Aussage hierzu wurde aufgenommen, er wurde freigelassen. Nun schlug er seine Mannequin-Freundin halbtot, er ist nach wie vor auf freiem Fuß.

10) Nur 6 von 46 Personen, die wegen der Katastrophe in Soma, die 301 Menschen das Leben kostete, angeklagt sind, sind in Haft. Die Freilassung dieser 6 Personen wird dringend erwartet.

Zur Information für euer Gewissen.

 

*Susurluk-Skandal: https://de.wikipedia.org/wiki/Susurluk-Skandal

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Keşke katil olsaymışız" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/472482/Keske_katil_olsaymisiz.html


Kolumne von Can Dündar: "Ihr kriegt uns nicht unter!" Cumhuriyet 26. 01. 2016

Eins der Dinge, die einem in Silivri am meisten fehlen, ist Farbe.

Alles hier ist seinen Farben beraubt.

Das heißt, nur langweilige matte Farben sind erlaubt:

Das Khaki der Soldaten, das Dunkelblau der Wärter, das Grau des Betons…

Die Innenwände sind schmutziggelb, die Eisentüren braun, die Bodenfliesen beige, die Küchenspüle metallfarben. Das Licht der Neonröhre, der Plastiktisch und –stuhl sind blassweiß. Andere Farben gibt es nicht.

Das Meer ist weit, der Himmel gefangen, die Erde verboten.

Willst du für jemanden Gänseblümchen malen, findest du kein „gelb“, Buntstifte sind verboten. Willst du das schmutzige Gelb mit Postern verdecken, an den Wänden Poster aufzuhängen, ist verboten.

Interessant ist dabei, dass uns selbst die hier gängigen Farben verboten sind:

Einen Pullover in Khaki, eine Jacke in Dunkelblau dürfen wir nicht tragen, es könnte ja sein, dass wir uns damit unter die Vollzugsbeamten und Soldaten mischen und türmen…

Auch die Farben hier sind gefangen wie wir …

***

Aber wo Menschen leben, fehlt es nie an Farben.

Freunde und Bekannte, die davon hörten, schicken nun dankenswerterweise Briefe und Notizblöcke mit kunterbuntem Papier in farbigen Umschlägen.

Unsere Familien und Freunde sorgen dafür, dass wir Pullover in Flaschengrün, Orange und Pistazie tragen.

Ein Leser schickte Naturfotos, so schmückten wir das Grau der Spüle mit Gras, Blumen und Bäumen. Wir schufen einen pastoralen Stil in der Zelle.

Kaum kam ich hier in Haft, überlegte ich, angesichts der Ideenvielfalt der Angestellten von Silivri und des Reichtums, der sich durch eine wahrscheinliche Expansion einstellen würde, eine Zeitschrift „Grünes Silivri“ herauszugeben. Einer der Anwälte, die kürzlich kamen, sagte: „So eine Zeitschrift gibt es schon.“ Rein intern, und mit was für einem tollen Titel: „Verrückte Wellen“. Außerdem erscheine sie „in Farbe“.

In Farbe? Wie das? Sind Farbstifte hier nicht verboten?“

Auf Nachfrage erfuhr ich das Geheimnis der Kreativen: Sie kleben buntes Zeitungspapier an beschlagene Scheiben, schaben die herunterlaufende Farbe mit einer Rasierklinge ab und malen ihre Zeichnungen damit bunt an.

Genial!

Natürlich habe ich das sofort ausprobiert.

Nie habe ich so von den knallbunten Zeitungsbeilagen profitiert, nie war der Begriff „bunte Presse“ so angebracht!

Ich presste die Magazin-Beilagen an die Scheibe …

Zuerst destillierte ich Gänseblümchen-Gelb aus dem Mantel der „berühmten Society-Braut“, aus der roten Jacke des Prinzen des Istanbuler Jet-Sets, der in St. Moritz heiraten wird, malte ich Rosen.

Ich fühlte mich wie ein „Robin Hood der Farben“, der den Reichen nimmt und in sein Armenhaus trägt.

Nicht genug damit, ich verlegte mich auf Obst.

Aus Apfelsinenschale gewann ich Orange, aus Radieschenrinde Bordeauxrot, aus Apfel Grün, und tauchte die Zahnbürste hinein.

Ich malte eine bunte Treppe ins linierte Heft: „Der Juni-Aufstieg“.*

So überwand ich das Farbenverbot.

***

Sie versuchen, uns, die Gesellschaft, das Land, die Welt, in eine einzige Farbe zu sperren.

Ein einziger Chef soll reden, aus einem Mund sollen alle ihn rühmen, keinen einzigen Widerspruch soll es geben.

Sie fürchten jede andere Farbe, die sich der Einzahl widersetzt.

Wie das „Weiß“ soll jeder sich seiner Farben entledigen und vor der Fahne der Kapitulation niederknien.

Sie fürchten, ein Regenbogen könnte ihre „khaki-dunkelblaue“ Herrschaft wegwischen.

Doch sie wissen nicht, dass „diese Nation, wenn sie will, ihre Farben aus Obst, ihre Pinsel aus Nähseide, ihren Protest aus Juni* macht.

Mag sein, dass wir gerne „einen“ heben, doch die Vertreter der „Einzahl“ mögen wir gar nicht.

Wir glauben an eine kunterbunte, bunt-harmonische Welt, wir sind nicht verurteilt zum Grau des Bleis, der Mauern, des Rauches.

Ihr habt es bei den AkademikerInnen gesehen, wenn ihr 1000 von uns eicht, dann stehen 1000 andere von uns auf und sagen: „Ich bin auch noch da“, und schreiben den an die Türen gemalten roten Kreuzen zum Trotz Protesterklärungen.

Der Kameramann, auf den als Mitglied der Delegation unter der weißen Fahne geschossen wurde, nimmt sein Blut, nimmt die Wunde seines Landes und trägt sie in die Welt hinaus.

Wohin ihr auch geht, mit wem ihr auch redet, sie fragen euch nach uns.

Ihr sagt: „Es ist verboten, Diktator zu sagen“, doch die sich wehren gegen eure brutale Unterdrückung, nennen euch trotzdem „Diktator“.

Euch schützen bezahlte Polizisten, vor dem Tor unseres Camps halten unsere freiwilligen Gefährten Wache.

Die Starken haben nicht immer recht, aber die recht haben, sind immer stark. Selbst wenn ihr uns teuer dafür bezahlen lasst, wir werden nicht aufhören, zu sagen und zu schreiben, was wir für richtig halten.

Ihr kriegt uns nicht unter.

 

* Juni ist eine Anspielung auf die Gezi-Proteste vom Juni 2013, die bunt angemalte Treppe wurde zu einem der Symbole dafür.

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Bizi yenemezsiniz!" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/470102/Bizi_yenemezsiniz_.html


Kolumne von Erdem Gül: Cumhuriyet, 09.01.2016

Sie sind verhaftet” war das Letzte, was wir von der Justiz zu hören bekamen. Seitdem sind 40 Tage vergangen.

Und mehr bekamen wir dann auch nicht mehr zu hören.

Es war ein Montag. Da es im Gefängnis kein Montagssyndrom gibt, brauchten wir uns deswegen schon mal keine Sorgen zu machen. Hier gibt es ja sowieso weder Wochenenden noch Wochentage, also hat man damit schon mal keine Probleme. Hinter Gittern bricht die Dunkelheit früh ein, schrieb der Dichter Ahmet Arif. Auch an jenem Tag bewahrheitete sich dieser Vers wieder.

Den zweiten Satz nach der Verhaftung bekam ich eben in diesen Abendstunden zu hören. Es hieß: „Sie kommen jetzt zu Can Dündar in die Zelle, so wie Sie es beantragt haben“. Wie man unter Journalisten sagen würde, war das eine „Sensation“ für uns.

Wir waren 40 Tage lang Zellennachbarn, aber konnten uns nicht sehen. Als wir an dem Abend nach 40 langen Tagen zusammen kamen, fingen wir sofort mit dem Palavern an. Nicht wie die Frischlinge, sondern wie richtige alte Hasen im Gefängnis.

Es ging natürlich um uns selbst, um uns beide, in diesem Palavern. Wie man sich schon denken kann, amüsierten wir uns vor allem über das, was wir in den 40 Tagen erlebt hatten. Und jetzt sind wir schon bei Tag 42, 43 und so weiter.

Am meisten lachen wir immer noch über unsere einsamen Tage. Wir sind ja jetzt zusammengekommen, da können wir uns über den einsamen Erdem und den einsamen Can lustig machen.

Immerhin haben wir einen Fernseher, bekommen Zeitungen und können die Nachrichten mitverfolgen. Die machen uns besonders traurig.

Und dann unterhalten wir uns und wie wir so reden spüren wir, wie die Einsamkeit und Leere der letzten Wochen verschwindet. Wobei es besonders die Stille ist, die vorüber ist. Mit unserer Festnahme wurden wir auch zu 40 Tagen Stille verdammt. Und deswegen habe ich jetzt eine Idee.

Eigentlich können wir doch beides zusammenrechnen. 40 Tage Can, 40 Tage ich. Macht 80. Ab dem Ende unserer Isolation zähle ich einfach bei 80 weiter. So haben wir schon 40 Tage mehr in der Tasche. Das ist doch was!

Übrigens, aber das sollte unter uns bleiben, war ich der Glücklichere bei der Verlegung, ich bin nämlich von Zelle 6 zu Can in die Zelle 5 gezogen und der empfing mich als Gastgeber wie einen Fürsten.

Er hat alles gegeben, damit ich mich wie zu Hause fühle und mir seine ganzen Vorräte aufgetischt, nur das Beste. Also habe ich von der Verlegung sozusagen doppelt profitiert.

Zumindest das sind die guten Seiten unserer jetzigen Situation. Ich weiß, den Leuten, die draußen an uns denken, tut es auch richtig gut, das zu wissen. Aber das eigentliche Problem löst sich damit nicht.

Schon während der Isolation dachten wir, jeder für sich, dass das wirkliche Problem ja nicht die Isolierung, sondern die Haft ist. Und jetzt reden wir auch oft darüber, dass die Haft selbst ja schon eine üble Isolierung ist.

Manchmal fragen wir: „Warum werden wir noch festgehalten?“ Dann kommt immer die Antwort: „Die Beweislage hat sich nicht zu Ihren Gunsten geändert."

Deswegen haben wir jetzt angefangen, in unserer Zelle nach Beweisen zu suchen, die für uns sprechen. Und wir sind ja zu zweit. Da wird es leicht sein etwas zu finden. Wir sind am Suchen. Wir suchen weiter. Also halten Sie uns bitte nicht auf.

 

Übersetzung: Translators for Justice

Original: "Koğuşta delil arıyoruz" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/460957/Kogusta_delil_ariyoruz.html#


Kolumne von Can Dündar, "Ein kleiner flacher Stein" Cumhuriyet, 02.01.2016 

Geschlossener Besuchstag …

Ich rannte fast zum Besucherraum.

Hinter dem Glas der engen Kabine ein junger Spross von 20 Jahren.

Mein Sohn.

Als wären die Knospen an den Ästen des Sprosses ergrünt an den Spitzen seiner Arme.

Mit seinen Fingern berührt er das dicke Glas, das uns trennt. Unsere Handflächen kleben zu beiden Seiten der Scheibe aneinander.

Kleben“ kommt mir so über die Lippen.

Glas trennte zwei Seelen.

Es war schon vorgekommen, dass Berge, Ozeane, Kontinente uns trennten, aber noch nicht, dass wir uns nicht berühren konnten, wo wir einander so nah waren.

Wieder trennen uns jetzt Kontinente, wir telefonieren, während wir einander so nah sind, dass wir uns berühren könnten.

Was sonst unsere Haut tut, müssen nun unsere Augen übernehmen, wir berühren einander mit Blicken.

 

Zange aus Glas

Er hat heute Geburtstag.

Vollendet sein 20. Lebensjahr.

20 Jahre einander nah wie Fingernagel und Fleisch … Das kalte Glas zwischen uns ist wie eine Zange, die den Nagel vom Fleisch zieht.

Damals, in der Woche seiner Geburt schrieb ich: „Freunde, wir bekommen einen Sohn.“

Sezen [Aksu] sang: „Mein Herz ist an der Ägäis geblieben“.

Seine Mutter und ich entschieden uns, ihn Ege zu nennen: Ägäis.

In einem Zuhause, das zu einem „Tempel des Lächelns“ geworden war, erlebten wir sein erstes Wort, seine ersten Schritte, seine erste Liebe mit.

Sein Lieblingsspielzeug waren Bücher.

Er wuchs mit Texten auf.

[Seine Mutter] Dilek gab die Jury und wir veranstalteten zu Hause einen Schreibwettbewerb:

Wie beschreibt man einen Geruch in einem Text?“

Ich nahm mir Thymian vor, er Pfefferminze.

Wir lehrten den Stift zu schnuppern.

Wir schrieben und schrieben und stellten sogar ein gemeinsames Märchenbuch zusammen.

Dann schrieb ich „Das rote Fahrrad“ für ihn.

Wie ich den Sattel des Fahrrads, auf dem ich ihn Radfahren lehrte, losließ, ohne dass er es merkte, wie er im Vertrauen darauf, dass meine Hand noch da war, schneller wurde und davonflog …

Wie ich ihm bewundernd nachschaute …

 

20 Jahre

20 Jahre, ohne dass wir uns gegenseitig ein einziges Mal verletzt hätten.

Weder erlebten wir die Sperenzchen eines Einzelkindes, noch eine schwierige Pubertät bei ihm.

Am Muttertag weckten wir unsere Mutter mit einem Lied, er hatte es komponiert, ich die Worte geschrieben.

Am Vatertag sammelten wir die besten flachen Steine und ditschten sie über das Wasser in Eymir.

Wir weinten an dem Bett, in dem sein Großvater starb.

Wir lachten, als das Märchen, das wir geschrieben hatten, als Kindertheaterstück aufgeführt wurde.

Der sorgfältig gehegte Spross wuchs rasch heran, während ich noch wettete, dass er mich an Körperlänge nicht überrunden würde, da wuchs er mit nervigem Trotz und wurde so groß, dass er mich an die Brust drücken konnte. Er schenkte mir die unvergleichliche Freude, mich an die Brust des Babys zu lehnen, das ich einst an meine Brust gedrückt hatte.

Wir zogen uns gegenseitig auf.

Das Kind in der Flimmerkiste

Eines Abends letzten Monat hockte ich auf dem Plastikstuhl in der kalten Zelle und sah ihn in der Flimmerkiste.

Alles war umgekehrt.

Als er Kind war und ich im Fernsehen auftrat, ging er neugierig um die Flimmerkiste herum und suchte mich darin.

In der Kiste, in der jahrelang ich gesprochen und er zugehört hatte, war nun er …

Mit einer Reife, die niemand von seinem Alter erwarten konnte, sprach er über Gerechtigkeit, Freiheit und Repression.

Am liebsten wäre ich um die Kiste herumgegangen und hätte ihn in den Arm genommen.

Dann schrieb er in der Cumhuriyet.

Den Stift, der mein Leben gezeichnet hatte, hält nun er zwischen seinen schlanken Fingern, er sprudelte fröhlich drauflos.

Aus dem Thema Thymian und Minze war Freiheit und Gerechtigkeit geworden.

Wie ich damals weinte, als mein Vater von uns ging, so weinte ich, als mein Sohn plötzlich bei mir war.

Und an jenem Besuchstag, als er mir den kleinen flachen Stein zeigte, den er in der Tasche verborgen mitgebracht hatte.

In jenem Augenblick, da das kalte Glas sich in einen fernen See verwandelte.

Die Abhörer und Aufzeichner haben es gehört und aufgezeichnet,

weder fragte ich ihn durchs Telefon: „Hast du alles ausgeglichen, mein Sohn?“, noch sagte er zu mir: „Wir haben alles verteilt, Papa“.*

Glücklicherweise haben wir es ohne zu betrügen, ohne betrogen zu werden, ohne zu klauen und zu stehlen, ohne irgend etwas, das nicht koscher wäre, sauber geschafft bis heute …

 

Heute ist der 2. Januar.

Ich habe kein anderes Geburtstagsgeschenk für ihn als diesen Text.

Doch ich bin mir sicher, die Wärme von zwei Handflächen, die zu beiden Seiten einer Glasscheibe brennen, wird eines Tages in ein Gedicht, eine Biographie, ein Buch als eine ferne, traurige Erinnerung eingehen.

Wir werden, wovon wir stets gemeinsam träumten, auf einem fernen Kontinent zusammen in einem offenen Wagen gen Horizont fahren.

 

Abschied

Das schöne Gespräch zerschnitt die Stimme des Vollstreckungsbeamten: „Die Zeit ist abgelaufen.“

Das Telefonat wurde unterbrochen.

Noch einmal klebten die Handflächen an der Scheibe.

Der Spross von 20 Jahren ging.

Ein stolzes Augenpaar schaute ihm hinterdrein.

Mein Herz ist bei Ege geblieben.

 

*Anspielung auf die Abhörprotokolle zwischen dem damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan und seinem Sohn, wo es um illegale Finanztransfers ging (A.d.Ü.)

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: " Bir küçük yassı taş" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/457339/Bir_kucuk_yassi_tas.html


Kolumne von Can Dündar: "Neujahrsmenü in Silivri" Cumhuriyet, 01.01.2016

 An meinem ersten Morgen in Silivri hörte ich ein Geräusch im Hof, als wäre etwas auf den Boden gefallen.

Was könnte vom Himmel in einen Hof fallen, über den nicht einmal Vögel fliegen?

Ich schaute sofort nach. Wie im Märchen waren drei Äpfel vom Himmel gefallen.

Fest in Zeitungspapier eingewickelte drei rote Äpfel.

An die Zeitung geheftet eine kleine Notiz:

Herzlich willkommen.“

Da begriff ich, dass es sich um ein Geschenkpäckchen aus der Nachbarzelle handelte.

Die beiden Zellen sind durch eine sieben Meter breite Mauer getrennt. Eine Mauer, die jene voneinander trennt, die die Mauer der Angst überwanden… Die Mauer, in den Himmel gereckt, ist von Stacheldraht gekrönt.

Offensichtlich gelang es den Äpfel durch das Katapult eines kräftigen Armes die große Barriere zu überwinden.

Das war aber noch nicht alles.

Es kam noch starker, heißer Tee hinterher.

In einer Wasserflasche aus Plastik. Wieder in eine Zeitung gewickelt. Dabei sogar Würfelzucker.

Das war das „Willkommenspaket“ an den Nachbarn aus der Nachbarzelle. Flink wie eine Heuschrecke hatte es zwei Mauern überwunden und zu mir gefunden.

Am ersten Morgen mit heißem Tee geweckt zu werden, was für eine Gabe für einen Gefangenen, dessen gesamte Einrichtung aus einem Plastikstuhl, einem Tisch aus Kunststoff und einem eisernen Bettgestell besteht!

Kurz darauf kam die aktuelle Tageszeitung. Über die Mauer. Darauf der Ruf: „Herzlich willkommen!“

Die kräftige Stimme überwand aus derselben Richtung wie die Gaben denselben Stacheldraht und prallte gegen die kalte gelbe Hofmauer.

Zum Himmel hinauf versuchte ich eine Antwort.

Die Stimme riet: „Durch den Schachtdeckel sprechen.“

Ich beugte mich zum Schachtgitter in der Hofmitte und dankte.

Da wurde mir klar, dass dies eine „Willkommensparty“ der alten Hasen für die Grünschnäbel war.

Der Tee vom Himmel, die Stimme aus der Erde vertrieben die Verwirrung des ersten Tages.

Mein Nachbar war der Redaktionsleiter der Zeitschrift Nokta, Murat Çapan.

Sein Nachbar auf der anderen Seite Cevheri Güven, der Chefredakteur der Zeitschrift…

Beide kenne ich nicht persönlich, auch in Silivri begegneten wir einander nie. Ich sah nur ihre Augen durch das kleine Überwachungsfenster, wenn ich durch den langen Gang ging, auf den unsere Zellen hinausgehen. Doch mit ihren Gaben teilten sie meine Einsamkeit in der Isolation.

Wenn das Leben die Kunst ist, mit kleinen Dingen glücklich zu sein, dann ist das Gefängnis ein Konservatorium…

 

Bittere Schokolade

Vorgestern Morgen hörte ich erneut Murats kräftige Stimme. Diesmal fand sich im Päckchen heißer Käsetoast.

Wie konnte das sein?

Waren denn Toaster gestattet?

Ich aß die Traube und fragte nicht nach der Rebe.

Am nächsten Tag stand für die beiden die Verhandlung an. Sie waren angeklagt, mit einem Titelblatt, das sie zu verantworten hatten, das Volk zum Aufstand aufgewiegelt zu haben.

Als ich mich via Schachtgitter bedankte, wünschte ich ihnen einen Freispruch.

Am Morgen des 29. hörte ich auf dem Gang die Schritte meiner Nachbarn auf dem Weg zum Gericht. Nachmittags kam die Nachricht von ihrem Freispruch.

Gegen Abend landete das letzte Päckchen im Hof…

Wieder heißer Käsetoast.

Dabei ein Zettel:

Vielen Dank für die guten Wünsche. Meine Freude hat einen bitteren Beigeschmack. Wir waren gute Nachbarn. Leider gehe ich, ohne das Rezept für den Toast dalassen zu können. Murat.“

Während ich den Toast verspeiste, kam ein zweites Päckchen geflogen.

Bitterschokolade von Cevheri.

Hier erhielt „bitter“ seine eigentliche Bedeutung…

Wir waren Gefangene ein und derselben Repression. Gefangene einer Geisteshaltung, die meint: „Der beste Journalist ist ein gefangener Journalist“, Gefangene des Drangs, Widersacher mit hanebüchenen, sich in der ersten Verhandlung als haltlos erweisenden Vorwürfen ins Gefängnis zu werfen und einzuschüchtern.

Gegen das, was sich in Sur, in Cizre, in Silopi und in der Ägäis abspielt, ist das hier Urlaub, dennoch ist es Gefangenschaft, ist es Isolation.

Manchmal holt dich ein freundschaftlicher Blick, ein kräftiger Händedruck, ein von Unbekannt kommender Ruf aus deinem Gefängnis heraus, macht dich frei.

Am Abend, nach dem Verschluss der Hoftür, hörten wir die beiden durch den Gang fortgehen.

Wir hörten, wie sie den Zurückbleibenden zuriefen: „Möge Gott euch befreien!“

Unsere Antwort lautete: „Möge Gott die Türkei von ihrem Hauptleiden befreien!“ Ist das Leiden kuriert, wird ohnehin jeder befreit sein…

 

Eine Wunschlampe

Die beiden Zellen zu meiner Linken sind jetzt leer.

Der Makler von Silivri ist aber rührig, Tag für Tag macht er neue Mieterkandidaten ausfindig.

Die Gefängnisse reichen nicht mehr aus.

Doch wir hier erleben, dass jene, die einst Gefangene herschickten, eines Tages selbst hergeschickt werden. So wird das weitergehen, bis wir Silivri zum Museum machen.

Auch das liegt nicht mehr fern, sogar näher als gedacht.

Hauptsache, wir lassen die Hoffnung, den Glauben, den Kampf nicht fahren.

Mit dieser Hoffnung lasse ich vom steinernen Hof in Silivri eine Wunschlampe aufsteigen und wünsche allen ein klares, helles neues Jahr.

Wisset die Freiheit zu schätzen.

(PS: Lieber Murat. Ich glaube, ich habe das Toast-Geheimnis gelüftet. Das erste Menü im neuen Jahr wird ein heißer Käsetoast sein. Gratuliere. In Freundschaft.)

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Silivri´de yeni yıl mönüsü"

http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/456911/Silivri_de_yeni_yil_monusu.html


Kolumne von Erdem Gül "Das Abenteuer einer Liveübertragung im Gefängnis" 01. 01. 2016

Zuerst gibt es eine Bewegung an der Tür von Cans Zelle. Die Beamten sprechen einige Zeit mit ihm.

Dann schließen sie die kleine Öffnung über der Tür seiner Zelle und öffnen diesen Spalt bei mir:

„Ihr monatlicher Haftprüfungstermin steht an.“

Aus ihren Erklärungen entnehmen wir, dass wir unseren ersten Monat im Gefängnis hinter uns haben. Und daher muss nun entschieden werden, ob wir freigelassen werden oder weiter inhaftiert bleiben.

Ich habe mir nicht merken können, welche von den neun Kammern des Zivilstrafgerichts diesmal an der Reihe ist, über uns zu entscheiden. Ich weiß auch nicht mehr, die wievielte Ablehnung wir auf unsere Anträge auf Haftentlassung erhalten haben. Ich habe nur noch im Gedächtnis, dass es von unserem ersten Tag im Gefängnis an gerechnet, die siebte war.

Wir erfahren in diesem Zusammenhang, dass wir dem Richter in Form einer Liveübertragung vorgeführt werden sollen. Da diese Liveverbindung, auch wenn sie über den Bildschirm erfolgt, bedeutet, dass wir dem Richter gegenüberstehen, stellt sich mir die Frage: „Ja, und was ist mit unserem Anwalt?“ Auch Can hat danach gefragt. Die Beamten gehen und erkundigen sich. Dann teilen sie uns mit, was man ihnen antwortete: Entweder könnten wir oder die Anwälte teilnehmen, beide gleichzeitig, das ginge nicht.

Na schön, wenn das so ist. Uns ist das gleich. Es gibt ja die Liveübertragung, wir werden dem Richter schon erklären: „Nun erlauben Sie uns endlich zu gehen.“ Weil sich der Dialog mit den Wachbeamten in die Länge zieht, sprechen die Gefangenen, die in den Nachbarzellen des Korridors sitzen und mithören, uns bezüglich der Liveübertragung Mut zu: „Wir erwarten, dass ihr gute Nachrichten mitbringt!“ Wir können ihre Gesichter nicht sehen, hören nur ihre Stimmen.

Die Stimmung ist inzwischen euphorisch. Wir gehen nun eskortiert durch die Wachbeamten zur Liveübertragung. Seit einem Monat hatten wir bei Besuchen, bei denen die Gefangenen und die Besucher eine Scheibe oder ein Gitter getrennt sind, oder sich an Tischen gegenüber sitzen, jeweils nur wenige Schritte getan. Diesmal gehen wir durch viele Korridore, steigen viele Treppen hinauf und hinab. Nach diesem langen Marsch werden wir in den Raum gebracht, in dem die Übertragung stattfinden solle. Innerhalb dieses Zimmers gibt es einen weiteren Raum. Wir sehen das, als die Beamten diesen inneren Raum zu einer letzten Kontrolle öffnen. Darin steht ein Computer-Bildschirm. Einer der Beamten erklärt uns: „Die andere Seite wird den Kontakt zu uns aufnehmen, deshalb müssen wir noch etwas warten.“

Nun kommt von der anderen Seite der Leitung ein Signal. Der Beamte betritt das Zimmer mit dem Bildschirm und teilt mit, dass wir anwesend sind. Dann werden wir einzeln hineingeführt. Zuerst geht Can zur Liveübertragung. Es dauert kaum fünf Minuten. Jetzt ist die Reihe an mir. Ich trete ein. Als ich mich auf den Stuhl setze und auf den Schirm schaue, sehe ich einen Gerichtsaal. Dort sitzt genau dasselbe Gericht wie am Tag unserer Verhaftung.

Nachdem der Richter mich begrüßt hat, sagt er, er höre mir zu. Ich nutzte die Möglichkeit ganz frei zu sprechen und verneinte mit Nachdruck, etwas mit Spionage und Agententätigkeit zu tun zu haben. Um die Abwesenheit der Anwälte muss ich mich nicht kümmern. Sinngemäß sage ich: „Dass Sie uns verhaftet haben, war ein Fehler.“

Und ich ende mit der Aufforderung: „Halten Sie uns nicht länger fest!“

Der einzige Haftgrund widerspricht der Aussage: „Nicht aufgrund seiner journalistischen Arbeit in Haft.“ Diese Worte soll ich im Gedächtnis behalten und ich füge hinzu: „Und so lange Sie uns hier festhalten, kann ich meine Arbeit nicht machen.“

Nachdem meine Aussage bei der Liveübertragung beendet ist, lässt der Richter meine Aussage protokollieren. Auch dass ich meine Arbeit nicht machen kann, kommt ins Protokoll. Auch wenn ich das nicht gesagt habe, so lässt er doch ins Protokoll aufnehmen: „Ich möchte meine Freilassung.“

Dann fragt er mich, ob ich noch etwas zu sagen habe. Ich verneine. Als letztes Wort sagt der Richter: „Wir werden eine Entscheidung fällen und sie Ihnen mitteilen.“ Wir, die wir mit Liveübertragungen im Gefängnis keine Erfahrung haben, warten natürlich auf die Entscheidung. Doch die Beamten nicht. Sie haben schon viele solche Verhandlungen mit Liveübertagung erlebt und sagen: „Wir warten nicht. Wir gehen jetzt. Die Entscheidung wird Ihnen später mitgeteilt.“ Zu diesem Zeitpunkt ist die Liveschaltung ohnehin längst unterbrochen.

Wir werden in unsere Zellen gebracht. Später lese ich auf einer eingeblendeten Unterzeile auf dem Fernsehschirm, dass unser soundsovielter Antrag auf Haftentlassung abgelehnt wurde. Vor einigen Tagen haben unsere Anwälte diesen Antrag gestellt. Doch was soll es, wir haben ja bei der Liveanhörung um Haftentlassung gebeten und warten auf diese Entscheidung. Während wir noch warten, ist es Abend geworden.

Sie haben jetzt auch die Lüftungsklappe geschlossen. Da begreife ich, dass wir die Chance der Livebefragung nicht zu unserem Vorteil nutzen konnten.

Nun gut, das war das erste Mal. Es lag an unserer Unerfahrenheit. Bei der Live-verbindung im nächsten Monat werden Sie schon sehen, dass wir Erfolg haben werden.

 

Wir wünschen jedermann ein gutes, neues Jahr.         

 

Übersetzung Literatürk/wr

Original: "Cezaevinde bir canlı yayın macerası"

http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/456914/Cezaevinde_bir_canli_yayin_macerasi.html


Kolumne von Can Dündar: "Presse hoch!" Cumhuriyet, 27.12. 2015

Aus der berühmten Verszeile „Kopf hoch!“ von Sabahattin Ali machten Journalistenfreunde in einem klugen Wortspiel eine „Gib nicht auf“-Botschaft für die Presse, Hut ab!

Diese Zeile – mit einem weggelassenen Strich – hängt jetzt am Zelteingang der Mahnwache vor dem Tor von Silivri…

Als Sabahattin Ali diese Zeile schrieb, war er 27 Jahre alt. Und saß im Gefängnis von Sinop. Dort lernte er Menschen aus Zentralanatolien kennen, Menschen, die später zu Motiven seiner Gedichte und Romane wurden…

Viele Meister unserer Literatur, unserer Welt der Kunst gelangten im Kerker zur Reife, verwandelten ihr Gefängnis in Akademien, Ateliers, Produktionsstätten.

Nâzım Hikmets „Menschenlandschaften“ setzt sich aus Figuren zusammen, deren Bekanntschaft er in der Haft gemacht hatte, ebenso die Helden in Yılmaz Güneys Film „Der Weg“…

In den Liedern von Ruhi Su, den Romanen von Kemal Tahir finden sich stets die Spuren der Gefangenschaft. Ihre Figuren sind gerade deshalb so wirklich, so ehrlich und voller Leben, weil sie die Zelle und dasselbe Leid mit ihren Schöpfern teilten.

Welch eine Befreiung es bedeutet, an einem Sonntag erstmals an die Sonne gelassen zu werden, wie einen die durch das scheibenlose Fenster in die Zelle strömende eiskalte Luft zittern macht, wie von Besuchern mitgebrachte Frühlingszwiebeln duften, wie der Kohlenbunker verriet, dass der Herbst Einzug hielt in Mamak, all dies erfuhren wir aus der Gefängnisliteratur.

Gefängnishaft war eine Qual, die Bedingungen hart, die Strafen lang. Doch es war eine geteilte Qual. Die Insassen der Gemeinschaftszelle halfen einander, man kochte gemeinsam, nahm, während man gemeinsam seine Runden lief, Anteil an der gegenseitigen Schwermut. Deniz [Gezmiş] und Freunde palaverten, Mahir [Çayan] und Freunde kickten. Man schrieb Verteidigungsreden gemeinsam, Literaten wurden als Eingabenschreiber behandelt.

So war das Kittchen Schriftstellern auf Themensuche eine menschliche Goldgrube, die ihnen in den Schoß fiel.

Wie es hieß: „Wer seinen Militärdienst nicht geleistet hat, kriegt keine Braut“, hieß es auch: „Wer nicht gesessen hat, wird nicht Schriftsteller genannt.“

In den Mauern der alten Kerker steckten die Spuren, Stimmen und Worte der großen Meister dieses Landes. Sie verwandelten die Gefängnisse in Fakultäten für Literatur.

 

Doch …

Eines Tages bekam der Staat das mit.

Wer eingesperrt wurde, kam ausgebildet und besser ausgerüstet wieder heraus.

Glich mehr einem Absolventen denn einem Freigelassenen, als hätte er eine Lücke seiner Laufbahn ausgefüllt. Die Zelle war weniger „Ort der Besserung“ als vielmehr Therapiezentrum.

Den Aufstand, der doch unterdrückt werden sollte, ließ sie erst richtig anwachsen.

Prügel und Folter waren mittlerweile verboten. Eine andere Methode musste her, um die Gefangenen zur Räson zu bringen.

Sie erfanden die Isolation

Das System der Gemeinschaftszellen wurde abgeschafft, nun steckte man die „Verbrecher“ in kleine Zellen.

Die eigentliche Strafe war nun die Isolation.

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts endeten die Geschichten aus dem Kittchen, die Lieder von Wärtern, die Bilder vom gemeinsamen Hofgang.

Der Staat steckte den ihm ausgelieferten Häftling in Isolationshaft nach Gefängnis-Typ F und machte die Bestrafung zur Tortur.

Nach dicken kalten Mauern wurden Zellen aus Beton errichtet, jeder Winkel mit Kameras bestückt, jeder Kontakt zwischen den Häftlingen unterbunden.

Mit einem Wort Foucaults aus seinem „Überwachen und Strafen“: zuvor war das Gefängnis außerhalb des Gefangenen, nun wurde es in ihn hineinversetzt.

Jetzt sind die Gebäude modern, die Wärter schick, aus dem Wasserhahn fließt warmes Wasser.

Kontakt zu Menschen aber ist untersagt.

Brot wird durch eine Klappe in der Tür hineingereicht, ein Wortwechsel mit dem Wärter ist verboten. Wirst du in den Besucherraum geführt, werden die anderen Gefangenen vom Gang in einen Raum gesperrt, Begegnungen sind verboten.

Beim Besuch sind deine Lieben hinter einer dicken Glasscheibe, Berührung ist verboten.

Falls dein Besucher Frühlingszwiebeln mitbringt, bekommst du sie nicht, sie mit hineinzunehmen, ist verboten. Wenn der Kohlenbunker geleert wird, hörst du es nicht, Rausgehen ist verboten.

Ob du einen Roman schreiben willst, ein Gedicht, eine Verteidigung, die Schreibmaschine, die in den 1940ern Nâzım, 1971 Deniz, 1980 Ecevit erlaubt worden war, bleibt dir verboten.

Im Fenster sitzt jetzt eine Scheibe, du stehst permanent unter Überwachung, ein Vorhang ist verboten. Man will, dass du verzweifelt hin- und hertigerst wie ein im Glas gefangener Ozeanfisch.

Die Staatsräson des 21. Jahrhunderts hat nicht nur eine Tradition beendet, indem es die fruchtbaren Gefängnisse der vorausgegangenen Epoche durch diese steinernen Streichholzschachteln ersetzte, sondern auch ihre Literatur, ihre Lyrik, ihre Lieder.

***

Du hast jetzt einen neuen Genossen:

Dich …

Isolation strebt danach, dich zu bessern, dich in die Knie zu zwingen, indem sie dich mit dir alleinlässt.

Da triffst du dich selbst, den du in der Menge zuvor gar nicht bemerkt hattest.

Standst du auf Kriegsfuß mit dir, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du verletzt wirst, hoch.

Bist du im Reinen mit dir, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du verletzt wirst, groß.

Wenn es Abend wird und alle gehen, wenn du allein mit dir bist, stellst du fest, dass du dich in der Menge lange vernachlässigt hast, dass du lange nicht mit dir im trauten Gespräch warst.

Pech für dich, wenn das Gespräch mit dir langweilig und quälend ist.

Glück, wenn du imstande bist, dich zu multiplizieren.

Das ist die Zeit, da du den Spiegel auf dein Inneres richtest, siehst du nur Schwärze, verfinstert sich sein Herz vollständig.

Siehst du Licht, hellt sich auch deine Zelle auf.

Statt das Gefängnis in dich hineinzuversetzen, nimmt es dich und holt dich heraus.

***

Gerade dachte ich, die Gefängnisliteratur des 21. Jahrhunderts sei wohl hauptsächlich ein Poem des Selbstgesprächs, da klappt die Luke in der Eisentür auf und die Stimme des Vollzugsbeamten hallt durch die Zelle.

Post für dich.“

Dann regnet es Briefe durch die Luke, als wäre ein Papierhahn aufgedreht worden.

Auf einmal füllt sich die öde Zelle mit Menschen, Umschlag für Umschlag, Blatt für Blatt, Zeile für Zeile Hunderte Menschen…

Handgeschriebenes eilt mit Blumen, mit Gedichten, mit Gesprächen herbei, meine Einsamkeit zu teilen, „Kopf hoch“-Rufe…

Die Literatur der Gemeinschaftszellen mag tot sein, da erlebt der tot geglaubte Brief eine prachtvolle Renaissance… Der Duft von Menschen in meinen Händen…

Kurz: Irgendwie findet man doch einen Weg, sich bei den Händen zu halten…

Auch das wurde „Gesehen“*…

 

Can Dündar
9. Bölüm A -1 / 5
Silivri / İstanbul

 

* Gesehen steht auf dem Stempel der Vollzugsbeamten, die die Briefe nach ihrer Durchsicht abstempeln

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Basın öne eğilmesin" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/454526/Basin_one_egilmesin.html


Kolumne von Can Dündar: "Das Geld machte den Brief vergessen" Cumhuriyet, 23.12.15

 Die Türken sind gastfreundlich.

Diese Eigenschaft, die sie gern an sich rühmen, rührt zwar zum großen Teil von ihrer Herzlichkeit her, ist aber teilweise auch ein Ergebnis des Reflexes, Prügel zu vermeiden.

Denn vor Gästen prügeln Türken ihre Kinder nicht. Ein häufiger Satz gewalttätiger Väter lautet: „Lass die Gäste erst weg sein, dann zeig ich’s dir!“

Für Kinder, die mit dieser Drohung aufwuchsen, bedeutet Besuch Stunden in Sicherheit.

 

Im letzten Monat hielt sich die türkische Regierung an diese Tradition, während sie die 20 Führer der Welt beim G-20-Gipfel in Antalya zu Gast hatte, und setzte die Repression im Inland kurzzeitig aus.

Kaum aber waren die Gäste fort, fügte sie auch uns zu den über 20 Journalisten in Haft hinzu. Man denkt, auf unserem Erdball, der längst zum „globalen Dorf“ geworden ist, würden solche despotischen Praktiken nicht unbemerkt bleiben und Reaktionen hervorrufen.

Doch ganz so ist es nicht.

Es gibt noch eine Möglichkeit, die einem nicht sogleich einfällt:

Dass nämlich die Gäste sich die Ohren zuhalten vor den Schreien, die sie noch im Hinausgehen hören, um ihr Verhältnis zum Prügelnden nicht zu stören…

Dass sie um ihrer Interessen willen die Augen verschließen, wenn der Nachbar seine Kinder so behandelt, wie sie ihre eigenen Kinder nicht behandeln würden…

Genau so war es am vergangenen Wochenende.

 

Am 26. November wurden wir ins Gefängnis gesteckt, weil wir über die Konvois berichtet hatten, mit denen der türkische Geheimdienst illegal Waffen nach Syrien transportierte. Am 29. November fand der EU-Türkei-Gipfel statt. Im Namen der inhaftierten Journalisten hatten wir zuvor in einem Brief 28 europäische Regierungschefs an Werte der westlichen Zivilisation wie Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit erinnert.

Als sie zum Gipfel in Brüssel fuhren, hatten die meisten in der einen Tasche unseren Brief und in der anderen die drei Milliarden Euro, die sie der Türkei geben wollten, damit diese sich um die Flüchtlinge kümmere, die man in Europa nicht haben will.

Das Geld in der rechten Tasche machte den Brief in der linken natürlich vergessen.

 

Mit bitterem Lächeln verfolgten wir auf den Fernsehbildschirmen in unseren Zellen, wie die Pressekonferenz allseitige Win-win-Zufriedenheit ausstrahlte und die EU-Tür für die Türkei wieder geöffnet wurde.

Wir ziehen politische Lehren daraus, dass unsere Grundrechte gar nicht zur Sprache gebracht worden waren.

Europa gab Geld, um in der Ferne ein Konzentrationslager anzumieten.

Ankara nahm das Geld und machte seine politischen Schandtaten vergessen.

Als beide sich umarmten, wurden zwei Dinge dabei zerquetscht:

Wir und die Prinzipien …

Jetzt sitzen wir in unserer nach „westlichem Standard“ errichteten Isolationszelle wie vom Vater mit den Gästen gemeinsam geprügelte Kinder.

 

Die Gastfreundschaft bewahren wir uns dennoch.

Kommt alle her. Wir freuen uns auf euch.

(Erstveröffentlichung 21.12.15  Washington Post)

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Para mektubu unutturdu" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/452383/Para_mektubu_unutturdu.html


Kolumne von Can Dündar "Versuchen, die Sonne festzuhalten" Cumhuriyet, 19.12.15

Silivri-Çağlayan

Scheu und blass ist die Dezembersonne und ziert sich. Seit Tagen streckt sie den Kopf über das Dach. Gleitet wie ein gelber Drachen über die 7 Meter hohe Hofmauer. Ich warte darauf, dass sie in den Hof hinabkommt zu mir. Doch nein, aus 3 Metern Höhe zieht sie sich niederträchtig wieder zurück.

Hüpft man zur Sonne hoch?

Wenigstens mit Fingerspitzen will ich sie berühren, doch unmöglich. Geschwind überwindet sie den Draht und entfernt sich panisch.

Was dir bleibt, ist die Leuchtstoffröhre, die kaltes, weißes Licht verbreitet und den ganzen Tag über pfeift …

***

Ich träume davon, wenn ich am 22. Tag meiner Haft zum ersten Mal aus Silivri hinauskomme, die Sonne zu treffen, sie zu berühren, sie auf meiner Haut zu spüren.

Doch dann begrüßt mich winterlicher Nieselregen mit abscheulicher Fratze… Die Wintersonne, die all die Tage auf dem Dach herumspielte, hat sich hinter grantige Wolken verzogen.

 

Es ist der 17. Dezember…

Und ich bin unterwegs, um mich wegen meiner Artikel zum 17. Dezember zu verantworten.

Doch ich bin entschlossen!

Ich werde mich nicht verantworten, sondern von den Verantwortlichen Rechenschaft fordern! Ich mustere den blutjungen Gendarm im Auto. Es ist sein Geld, sein Land, seine Zukunft, für die ich Rechenschaft fordere…

Der Ein-Personen-Ringverkehr gelangt ans Tor und hinter dem Wall der Repression geht es auf „große Reise“.

Am „Büdchen Letzte Hoffnung“, vor dem die Freunde Mahnwache halten, fahren wir auf die Autobahn.

Die Namen bekannter Stadtteile auf den Schildern kommen mir jetzt wie weit entfernte Kontinente vor. Zum ersten Mal zeigt die Stadt sich hinter einem tiefen Käfig, fragmentiert, zerstückelt, weit, nass…

Im Ringverkehr fahren viele Wagen Kolonne, mobile Gefängnisse, unterwegs zwischen Gefangenschaft und Hoffnung… In einem davon ich, um im Gericht den Beleidigungsvorwurf des Mannes im schwarz errichteten Palast zu beantworten.

***

Die dreiwöchige Einsamkeit schaut befremdet auf die Massen auf den Straßen, Menschen in Hektik, getrieben von starkem Rückenwind, Hochhäuser, die den Jahreswechsel mit alten Leuchtreklamen erwarten…

Dann endlich in Çağlayan, die Endstation für die, die nach Gerechtigkeit suchen:

 

Das Gericht…

Viele Menschen vor der Tür… Ganz offenbar hat die Nation noch nicht beschlossen, das Verfahren einzustellen… Du hockst allein in einem Wagen und hörst die Menge deinen Namen rufen:

Wer Einsamkeit in kauf nimmt, wächst zur Menge an“, murmelst du vor dich hin… Deine Einsamkeit verschwindet. Das mobile Gefängnis bewegt sich durch das Gedärm des Gebäudes, fährt in Kurven 7 Stock unter die Erde.

Und die Eisentür öffnet sich in eine lärmende Unterwelt, die nur Häftlinge betreten dürfen.

Hier befindet sich das alte 7. Geschoss, in dem die Häftlinge warten, bis ihr Prozess an der Reihe ist…

Gemeinsam mit den begleitenden Gendarmen.

Wir geraten in einen Tumult. Zeter und Mordio… Häftlinge attackieren einander, Beamte gehen dazwischen. Mich stecken sie Hals über Kopf in einen Käfig. Und wenn ich „Käfig“ sage, meine ich tatsächlich einen Käfig. Ein Raum aus Stein, drei Seiten Mauern, eine Seite Gitter von der Decke bis zum Boden.

Vor dem Gitter fehlt nur das Schild: „Art: Mensch“.

Die Gendarmen sagen verlegen: „Zu Ihrer Sicherheit. Die Gestalten hier sind nicht geheuer.“

An meinem Gefängnis gehen Häftlinge in Handschellen vorüber. Unsere Blicke treffen sich. Die meisten sind jung und erschöpft, mit verschreckten, frustrierten Blicken gehen sie zwischen den Gendarmen…

Die größte Gruppe Straftäter seien die Diebe.

An zweiter Stelle kämen die Drogendealer.

Und dazwischen ein „Spion“…

Was gäbe Günter Wallraff dafür, hier reinzukommen“, geht es mir durch den Kopf. Ich befinde mich im Kerker des „Justizpalast“ genannten Eisbergs.

Ich warte darauf, ins Erdgeschoss hochzukommen und auf der Waage der Justitia mit ihren verbundenen Augen gewogen zu werden.

 

Dann ist es soweit.

Die Tür meines Käfigs öffnet sich.

Ein langer Gang verbindet uns mit einem kleinen Aufzug. Der kleine Aufzug fährt zu einem großen Saal hinauf.

Kaum betrete ich den Saal, bricht Applaus los. Einhundert lachende Gesichter im Saal.

Ganz vorn, ganz aufrecht, deine Frau, dein Sohn… Hinter ihnen deine Kollegen, Verwandte, deine Anwälte, Menschen, die dich lieben, die du liebst…

Dir ist, als berührtest du die Sonne. Ganz warm.

Die Einsamkeit schmilzt.

Wer die Einsamkeit in kauf nimmt, wird zur Menge.

 

Saß Erdoğan wegen eines Gedichts?

Der Justizminister plapperte einen alten Reim nach:

Die Journalisten im Gefängnis sind nicht wegen ihrer Journalistentätigkeit inhaftiert.“

Der Herrscher jeder Epoche schneidert dem Unrecht ein Kleid.

Der Justizminister soll einmal zum Palast gehen und dort nachfragen:

War Erdoğan seinerzeit verurteilt worden, weil er ein Gedicht rezitiert hatte?

Damals hatte das Militär etwas auszusetzen, jetzt Ihr …

 

 Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Güneşi tutmaya çalışmak"

http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/450471/Gunesi_tutmaya_calismak.html


Kolumne von Can Dündar: "Entweder Demokratie oder nichts" Cumhuriyet, 14.12.2015

SILIVRI

Sisyphos lehnte sich gegen die Götter auf, seine Sünde war groß, so war auch die Strafe groß. Einen ungeheuren Felsbrocken sollte er einen steilen Bergabhang hinaufbringen. Noch vor Tagesanbruch sollte er oben sein, am Gipfel.

Die ganze Nacht mühte Sisyphos sich mit dem Felsbrocken ab. Als das Morgenlicht dämmerte, war er oben, in Blut und Schweiß getränkt.

Hier aber erwartete ihn die Hand der Götter. Sie schubsten den Felsbrocken vom Gipfel wieder an den Fuß des Hangs hinunter.

Die abgebüßt geglaubte Strafe, begann von vorn.

Von nun an sollte Sisyphos jede Nacht den Felsbrocken auf den Gipfel des Berges bringen, bei Tageslicht aber ging es an den Ausgangspunkt zurück

***

Bei der Lektüre von Nedim Şeners Erinnerungen an Silivri („Papa, warum haben sie dich da eingesperrt?“ 2012), musste ich an den Mythos von Sisyphos denken.

Seit dem Tag meiner Verhaftung empfahlen Freunde mir, Tagebuch zu führen. Das hatte ich auch vor… Doch als ich Nedim las, ließ ich es bleiben. Das Buch, das ich schreiben wollte, hat er längst geschrieben. Und zwar genau dasselbe, Satz für Satz, Zeile für Zeile…

Je weiter ich blätterte, umso mehr geriet ich ins Staunen, als hätte ich bei einem neuen Film bemerkt, dass da von einem alten abgekupfert worden war.

Wiederholte sich die Geschichte denn so sehr, plagiierte der Repressionsgott denn derart ungeniert?

***

Nedim war vor fünf Jahren im Zuge der Ergenekon-Ermittlungen verhaftet worden. Er schien aber von unserem Prozess zu berichten:

Als wir zur Urteilsverkündung in den Saal geholt wurden, verkündete der Richter das Urteil, noch bevor wir an unseren Plätzen waren. ‚Gehen Sie raus’, beschied er kurzerhand. Ich glaube, das Urteil über uns war lange vor der Verhandlung gefällt worden.“

Einen Tag nach unserer Verhaftung sagten erst der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş, dann auch Premier Davutoğlu: „Eigentlich müssten sie auf freiem Fuß sein bei diesem Prozess“, ergänzten aber sogleich:Doch sie stehen nicht wegen ihrer Journalistentätigkeit vor Gericht.“

Als Nedim verhaftet wurde, gab der damalige Staatspräsident ein Statement mit Zweifel am Haftbefehl ab.

Nedim berichtet davon folgendermaßen:

Das war die erste all der Erklärungen voller ‚Sorge, Bedauern, Zweifel’, die wir unsere Haftzeit hindurch zu hören bekommen sollten. Doch sie galt nicht der Manifestation von Gerechtigkeit, sie wurde zur Beschwichtigung der Gegenreaktionen abgegeben. Später sollten wir von den Politikern vor allem einen Satz zu hören bekommen: ‚Sie wurden aber nicht aufgrund ihrer Journalistentätigkeit inhaftiert.’ Man variiert den Satz doch wenigstens ein wenig!“

***

Weiter hinten schreibt Nedim von seinen Kollegen, die mit schwarzem Pflaster vor den Lippen auf die Straße gingen. Er spricht von den mahnenden, kritisierenden Botschaften von nationalen und internationalen Presse- und Berufsverbänden. Beauftragte von EU und Europäischem Parlament gaben Statements ab. Sehe ich mir die Statements an, die für uns abgegeben wurden, geben mir einige ein Copy & Paste-Gefühl.

Außer seiner Familie kam jede Woche Murat Sabuncu von der Zeitung Milliyet zum offenen Besuchstag zu Nedim.

Jetzt hat „Murat Sabuncu von der Cumhuriyet“ die Besuchsqual bei mir übernommen, gemeinsam mit Tahir und Tayfun. Im Gespräch sagte Murat mir: „Auch die Regierung ist beunruhigt über den Verlauf.“ Jetzt lese ich, er hat Nedim genau dasselbe gesagt!

In den ersten Tagen ihrer Haft waren sie damals in den Schlagzeilen, auf den Covern der Zeitschriften. Einige Tage später gab es einen Anschlag auf Ibrahim Tatlıses und sie verschwanden von der Tagesordnung.

Und dabei soll man nun nicht an Tahir Elçi denken, der 2 Tage nach unserer Inhaftierung ermordet wurde…

Als er ermordet wurde, sagten die Leute: „Wäre er doch in Haft gewesen!“ Und uns sagten sie: „Wie gut, dass ihr drinnen seid.“

Nedim sagte damals ein Offizier: „Wie gut, dass Sie in Silivri einsitzen. Ihnen hätte Schlimmeres passieren können.“

Das sind die Alternativen, die die Türkei ihren denkenden Bürger bietet: Umgebracht werden oder inhaftiert …

***

All das geschieht, weil wir der Wahrheit hinterher sind, Diebstahl, Korruption und Lügen aufdecken und damit die Machthaber verärgern.

Wie Sisyphos versuchen wir, einen ungeheuren Felsbrocken namens „Wahrheit“ trotzig, zäh und mit Überzeugung an eine sichtbare Stelle zu tragen. Dämmert aber der Tag, schubsen die Wächter der Nacht die Wahrheit wieder in die Finsternis zurück. Wieder wird das Licht auf später verschoben…

Und wir übernehmen die Aufgabe von Neuem und führen diesen unendlichen Fluch fort…

Und warten darauf, dass die, die heute schlafen, eines Morgens sich die Sache zu eigen machen werden…

***

Doch Moment, ich habe noch nicht erzählt, wie das Buch endet…

Nedim Şener kam frei, mit noch einmal so gutem Ruf…

Die Person, die er nur „der Polizeichef nach unserer Verhaftung“  nennt, ist jetzt hier, er sitzt einige Zellen entfernt von uns ein.

Der Staatsanwalt, der den Haftbefehl gegen ihn erwirkte, hat sich längst ins Ausland abgesetzt.

Auch wenn man keine mythologischen Götter hat, die Geschichte hat ihre Gerechtigkeit. Das soll in diesem Text die „Moral von der Geschichte“ sein.

Nedim hat sich in Silivri mit einer Botschaft von Yaşar Kemal ans Leben geklammert. Die habe ich mir ausgeschnitten und hier aufgehängt.

Der Meister schrieb:

Unnötig, sich angesichts der vorübergehenden Situation in Hoffnungslosigkeit zu stürzen.

Mensch ist, wer aus der Hoffnungslosigkeit Hoffnung erschafft.

Entweder Demokratie oder nichts…

Die Türkei hat das ‚Nichts’ nicht verdient.

Gegrüßt seien alle, die es mit der Angst aufnehmen.

Gegrüßt seien alle, die beweisen, dass die Hoffnung nicht stirbt, so lange nicht der letzte Mensch gestorben ist…“

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Ya demokrasi, ya hiç" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/447706/Ya_demokrasi__ya_hic.htm


Erdem Gül: "Schlafende Zellen" Cumhuriyet, 10. 12. 2015

Ich bin gerade mit den morgendlichen Ritualen beschäftigt, um zur Arbeit zu gehen, als mein Telefon klingelt. Ein Freund ist dran, einer, der mich sonst meistens tagsüber anruft und mit den Worten „Passt es gerade?“ begrüßt und dann anfängt zu reden. Heute Morgen klingt er betrübt, „Diese Nacht habe ich kaum geschlafen“, sagt er, „konnte den Morgen kaum abwarten. Als es endlich hell wurde, bin ich losgegangen und habe Simit und andere Backwaren gekauft und ins Krankenhaus gebracht.“ Da erst wache ich richtig auf und denke nach. Seit dem Massaker in Suruç ist mehr als ein Monat vergangen. Die Wahl am 1. November ist bereits Vergangenheit, und die Nachrichten über das Massaker finden sich schon seit Langem nur noch auf den Innenseiten der Zeitungen. Mein Freund am Telefon weinte: „Die Simits waren als Frühstück gedacht für die Verwundeten und die Freunde, die mit ihnen im Krankenhaus warteten. Aber sie alle sind stumm, niemand sagt ein Wort. Frühstücken will keiner. Bei allen im Krankenhaus ist die Seele tief verwundet. Eine Genesung wird sehr schwer werden …“

Ich war gegen Morgen nach Ankara zurückgekommen und bin deswegen noch im Tiefschlaf. Erst nachdem das Telefon Dutzende von Malen geklingelt hat, kann ich mich mit Mühe erheben. Dass etwas Schlimmes passiert ist, ahne ich eher, als es zu verstehen. Statt ans Telefon zu gehen, schalte ich den Fernseher ein – ich bin beunruhigt. Da sehe ich die Laufschrift: „Explosionen bei der Demonstration am Hauptbahnhof in Ankara. Es gibt Tote und Verletzte.“ Zahlen werden noch nicht genannt. „Es sollte doch eine Friedensdemo werden“, denke ich. Nun bin ich nicht mehr beunruhigt, das Schlimmste ist ja schon passiert. Ich blicke auf mein Telefon. Ich brauche mehr Infos darüber. In der Laufschrift hieß es doch „Tote und Verletzte“.

Meine Kollegen sollten auch dort sein, wollten von dort berichten. In mir steigt die naive Hoffnung auf, dass es nur ein paar Verletzte sein könnten, ich will unbedingt optimistisch sein. Ich wähle ein paar Telefonnummern. Sowohl die Kollegen als auch die Bekannten, die ich spreche, erzählen, dass die Explosionen direkt vor dem Bahnhof passiert wären. Zwei Bomben gingen hintereinander hoch. Ich rufe Can Dündar an. Auch er ist nur am Telefon und vor dem Fernseher. Can kann nur „Ist es sehr schlimm?“ fragen.

Ich denke nur an die Zahl der Versammelten vor dem Bahnhof und an deren Gefühl fehlender Sicherheit. „Leider ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sehr schlimm ist, äußerst hoch.“

Wie sollen wir von jetzt an weiterleben?

Ich bin nun bestürzt und überlege, was zu tun ist. Was kann man jetzt machen? Ich gehe aus dem Haus. In meinem Kopf die Frage „Was sollen wir machen? Wie sollen wir von jetzt an weiterleben?“ Dann fangen wir an, die Toten zu zählen. Als Bürger dieses Landes müssen wir über die Opfer der Massaker Buch führen. Wir sind sehr traurig. Es schmerzt uns sehr. Aber wir müssen auch zählen. Nachdem wir auch den letzten Toten dazu gezählt haben und da wir nun die Summe kennen, erhoffen wir uns einen Ausweg von den Experten, die „So etwas wird nie wieder passieren“ sagen. Okay, alle, die in diesem Land ein wenig die Nachrichten verfolgen, stellen den Zusammenhang mit Syrien her. Syrien, Irak, Mittlerer Osten …

 

Schlafende Zellen

Aber wir hatten doch drei Monate vor den Bomben in Ankara ein ähnliches Massaker in Suruç. Auch da gab eine Verbindung nach Syrien, nach Irak … Damals hatten wir von einem technischen Experten sehr oft den Begriff schlafende Zellen vernommen. Wir leben doch in einem rasenden Land, in dem sich sogar die Massaker einen gebührenden Platz auf der Tagesordnung suchen müssen. Auch damals hatte sich die Tagesordnung sehr rasch geändert, und wir waren wieder zum Schlaf zurückgekehrt. Das Massaker in Ankara hatte uns erneut ein wenig Schlaflosigkeit gebracht. Wir dachten noch, was soll’s, die Zellen schlafen doch auch, und legten uns ebenfalls wieder schlafen. Allerdings waren die schlafenden Zellen nicht schlaftrunken, als sie bei der HDP-Versammlung am 5. Juni Blut fließen ließen und später dann die Massaker in Suruç und in Ankara veranstalteten. Die Selbstmordattentäter haben ihre Bomben nicht an zufälligen Orten hochgehen lassen. Alle Ziele waren sorgfältig adressiert. Heute sind genau zwei Monate vergangen seit dem Ankaraner Massaker. Ich verbeuge mich vor den Toten, die ihm zu Opfer gefallen sind. Ich wünsche den Menschen einen Ausweg, die bei dem Massaker verletzt wurden, und denjenigen, die ihre Angehörigen verloren, und auch vor jenen, über die mein Freund sagte: „Sie werden nie wieder genesen.“ Ich weiß nicht, was die schlafenden Zellen derzeit machen, aber ich kann Ihnen von Can und von mir selbst berichten:

Wir befinden uns in unseren schlafenden Zellen.

 

Übersetzung: Sibel Türker Heinemann

Original: "Uyuyan Hücreler" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/445896/Uyuyan_Hucreler.html


Can Dündar: "Ist da jemand im Raum?" Cumhuriyet, 10.12. 2015 

 Sehr geehrter Herr Minister,

in den vergangenen zwei Wochen kamen befreundete Abgeordnete und Anwälte in dem Gefühl großer Treue und Solidarität uns besuchen und standen uns zur Seite.

Die haben Sie gezählt und summiert und als Beweis dafür gerechnet, dass wir nicht isoliert sind.

Daraufhin habe ich meine Zelle noch einmal genau durchsucht, ob da nicht vielleicht doch jemand im Raum ist, den nur ich nicht sehe. Aber nein, ich konnte niemanden finden.

Tatsächlich ist es doch so, wenn wir diese Besuche, die unser gesetzlich garantiertes Recht sind, nicht mitzählen (und es wäre gut, sie nicht mitzuzählen, sonst verlieren sie ihren Segen), ist uns außer mit den Vollzugsschutzbeamten, die nach Kräften versuchen, uns zu helfen, jeder Kontakt absolut untersagt ist.

Uns ist kein gemeinsamer Hofgang, keine Begegnung in Bibliothek, Werkstatt, Korridoren gestattet.

Wenn Sie das nicht glauben, wird das Beste sein, Sie kommen an diesem Tag der Menschenrechte einmal vorbei und schauen selbst nach oder erlauben unseren Kollegen, unseren Berufsverbänden einen Besuch

 

Hochachtungsvoll …

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Odada biri var mı?" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/445877/Odada_biri_mi_var__.html


Kolumne von Can Dündar: "Unser Palast" Cumhuriyet, 07.12.15

 Die Dezemberkälte bläst ihren kalten Atem mittlerweile durch die Ritzen der schweren Eisentür.

Das Plumpsklo verteilt den Dreck, der sich in diesem Konzentrationslager ansammelt, wie die Mundhöhle eines Wärters, aus der es schlecht riecht, je mehr der Mann spricht.

Hinter dicken Betonmauern sind die Trillerpfeifen der Wächtern zu hören, drinnen das ständige Pfeifen der Leuchtstoffröhre.

Es ist kalt.

Tags geht die Sonne vorüber, ohne auch nur hier im Hof vorbeigeschaut zu haben, so abstoßend ist das Gebäude.

Das Licht aus dem Auslaufhof fällt zerteilt durch die braunen Fenstergitterstäbe als fahle Schatten auf den Boden meiner Zelle.

Grimmige, kahle Wände, wie ein blonder Brunnenschacht.

Alle Geräusche, die er aufnimmt, steigert er:

Wasser rauscht wie ein Wasserfall, Türenknallen, Donner …

Auch die Einsamkeit wächst in diesem Brunnenschacht, ebenso die Sehnsucht.

Du gibst die Hoffnung auf, kinderleicht dich da wie eine Ratte in der Falle einzuigeln und winzig zu werden …

Erst recht, wenn du nicht zu jenen gehörst, die Trost für erlittenes Unrecht im Glauben suchen.

Gut, dass du dir beigebracht hast zu träumen …

Du verstehst es, aus dem Licht des Auslaufhofs Mondschein zu machen und aus dem Pfeifen der Leuchtstoffröhre den Atem der Liebsten.

Du bist imstande, Kälte, Gestank, Isolation zu vergessen und aufzufliegen mit dem Vogelschwarm, der auf einmal am Himmel auftaucht.

Und wenn du frierst, kannst du dich daran wärmen, dass du im Recht bist.

Das hier ist der wahre Palast, Unrechtmäßiges, Ungesetzliches gibt es darin nicht.

Die Räume sind winzig, die Herzen aber riesengroß …

 

Tag

Kostbare Einsamkeit

08.00 Uhr morgens …

Der graue Lautsprecher meiner Zelle brüllt im Befehlston wie jeden Morgen:

An die Häftlinge und Sträflinge! Treten Sie zum Morgenappell an!“

Das ist der übliche Weckruf in Silivri.

Gleich wird der Vollzugsschutztrupp vorbeikommen und kontrollieren, ob ich getürmt bin. Sie sind sehr höflich. Sie öffnen die Tür zum Hof, sagen: „Möge Gott Sie befreien!“ und gehen wieder.

Dann kannst du deine Runden gehen auf dem zimmergroßen Auslaufhof unter dem Himmel von 9 zu 5 Schritten.

Selbstverständlich wieder allein.

***

Vor Jahren schrieb ich einen Text mit dem Titel „Man muss sich an das Alleinsein gewöhnen“. Seither habe ich mich daran gewöhnt, ich mag das Alleinsein. Doch hier handelt es sich um Isolation, zudem erschwerte Isolation. Wir sind täglich 24 Stunden allein in unseren Zellen.

Erdem ist in der Zelle gleich nebenan. Seine Tür ist nur eine Armlänge entfernt. Doch es ist uns untersagt, uns zu sehen. Die Isolation ist so scharf, dass sie sogar bei den Anwaltsbesuchen erst einen von uns und danach den anderen hinbringen, damit wir einander bloß nicht sehen.

In der Eisentür, die auf den schmalen Korridor hinausgeht, gibt es einen Ausguck von der Größe eines Handys. Da ist es gerade einmal möglich, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und ein paar Sekunden lang zu winken.

Offenbar wollen sie, dass wir niemanden außer unseren Wärtern und unseren Anwälten sehen.

Vorausbestrafung …

Ich rufe mir all die gelesenen Erinnerungen von Häftlingen ins Gedächtnis: Ich kann mich nicht daran erinnern, je von so schwerer Isolation gelesen zu haben.

Vielleicht gibt es so etwas in Guantanamo.

***

Hier ist viel Zeit, heute morgen las ich mein Horoskop:

Sie werden sich in geselligen Kreisen bewegen“, hieß es da. „Verschiedene Organisationen sind am Werk.“ Und: „Unterschiedliche Freundeskreise werden meine Blickwinkel aufs Leben erweitern.“

Während ich das lese, geht in der Eisentür die Klappe in Brusthöhe auf. Ein freundlicher Wärter ruft: „Brot!“ Ich beuge mich zu der Klappe, die gerade so groß ist, dass ein Brot hindurchpasst, und begebe mich also „in gesellige Kreise“.

Ich betrachte das Leben aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Ich denke an die revolutionären Häftlinge, die Todesfasten anfingen, als vor 15 Jahren die Gefängnisse vom F-Typ gebaut wurden. Mit einer Gruppe Intellektueller ging ich damals als Vermittler ins Gefängnis Bayrampaşa. Es ging uns darum, die Menschen, die entschlossen waren, ihren letzten Atemzug zu tun, vom Weiterleben zu überzeugen. Sie saßen in großen Gemeinschaftszellen ein. Der Staat wollte sie in Zellen für 1-3 Personen stecken. Dagegen wehrten sie sich. „Isolation ist Sterben, während man noch lebt“, sagten sie.

Der Protest damals wurde mit einem Massaker unterdrückt. Und die Gefängnisse mit Isolierzellen wurden eröffnet.

In die Betonmauern dieses Konzentrationslagers, in dem die Häftlinge, denen verboten ist, einen Menschen zu berühren, Erdboden zu betreten, sich in eine Decke zu wickeln, permanent durch nackte Fenster unter Beobachtung stehen, scheint die Parole jenes Protestes wie eingraviert:Isolation ist der Tod!“

***

Immerhin begleiten mich drei alte Freunde in meiner Einsamkeit:

in der Reihenfolge, in der wir uns kennenlernten: Stift, Buch und Fernsehen.

Du schreibst, liest und schaust.

Morgens kommen Zeitungen, die Zeilen befreundeter Autoren tun deinem Herzen gut.

Auf dem Bildschirm treten deine Liebsten für dich ein, du freust dich und tröstest dich.

Beherzte Abgeordnete, mutige Anwälte kommen und nehmen deinen Arm. Du richtest dich auf.

Draußen gibt es Weggefährten, die für dich Hoffnungswachen abhalten.

Ihre Wärme weht in den Kerker herein, du wärmst dich daran.

Am geschlossenen Besuchstag schauen deine Frau, dein Sohn dich mit stolzen Blicken hinter der dicken Scheibe an, sie sprechen die Sprache der Hoffnung, die Scheibe schmilzt von der Hitze der Sehnsucht, du lebst auf.

Und als die Klappe, durch die das Brot kam, erneut aufgeht, vernimmst du die frohe Botschaft: „Can Dündar … Post für dich“.

Nein, keine Telefonrechnung oder so. Wie um die brieflosen Jahre zu rächen, häufen sich Dutzende Briefe im Raum … Dutzende Menschen umarmen dich, küssen dich …

Jeder Freund, der zu Besuch kommt, jede Zeile, die geschrieben, jede Sprache, die gesprochen wird, flüstern dir dasselbe Geheimnis zu:

Du bist nicht allein.“

Die eisige Isolation schmilzt in der Wärme der Zuneigung.

So“, sagst du, „so ist es, das ist das Wahre, kostbare Einsamkeit …“

 

Übersetzung Literatürk/sa

Original: "Bizim Saray" http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/443995/Bizim_Saray.html


Post vom Chefredakteur der Cumhuriyet Can Dündar und vom Leiter des Ankaraner Büros Erdem Gül, Cumhuriyet, 04. 12. 2015

Der CHP-Abgeordnete von Hatay, Hilmi Yarayıcı, verbreitete den Brief von Dündar und Gül nach seinem Besuch bei den beiden via Twitter:

Unser Chefredakteur Can Dündar erinnert an die Worte von Premierminister Ahmet Davutoğlu: „Sie hätten auf freiem Fuß bleiben sollen, während der Prozess geführt wird“ und notierte:

 

Liebe Freunde, der Premierminister hat innerhalb der letzten Woche ganze fünf Mal gesagt, das Verfahren sollte mit uns auf freiem Fuß geführt werden. Gegen so stures Beharren kommen wir nicht gegenan. Dann kommen wir halt die Tage raus. Grüße an alle Freunden, die uns unterstützen, uns Briefe schreiben und Nachrichten schicken.“

 

Der Cumhuriyet-Vertreter für Ankara Erdem Gül schrieb: „Jetzt ist nicht die Zeit für Verzweiflung“ und: „An alle leidgeprüften und guten Menschen dieses guten Landes; ob im Gefängnis oder nicht, wir alle sind auf der Suche nach Gerechtigkeit, nach dem Guten und Gerechten. Dieses Land ist es wert, seine Gerechtigkeit, das Gute und sein Recht zu bekommen. Das hat es verdient. Da wir auf der Suche danach verhaftet und isoliert worden sind, werden wir nun eine Weile nicht dabei sein.“

 

Übersetzung: Literatürk/sa

Original: "Can Dündar ve Erdem Gül'den son mektup: Bu aralar çıkmayı düşünüyoruz"

http://www.cumhuriyet.com.tr/foto/foto_yasam/442461/1/Can_Dundar_ve_Erdem_Gul_den_son_mektup__Bu_aralar_cikmayi_dusunuyoruz.html


Kolumne von Can Dündar: "Die Verbrecher sind Mächtig und die Mächtigen schuldig"  Cumhuriyet, 04.12.15

 Heute ist der 4. Dezember …

Der Überfall auf die Druckerei der Zeitung Tan ist genau 70 Jahre her.

Heute vor 70 Jahren brachten die damals führenden Federn ihre Zeitung mit der Schlagzeile „Steht auf, Mitbürger“heraus.

Das war Ende 1945.

Der Krieg war vorbei.

Der Übergang zur Demokratie stand an.

Doch die „Kommunisten“nutzten die Gunst der Stunde und gaben eine Zeitung heraus, opponierten, schrieben und zeichneten. Obendrein unterstützt von ein paar „Verrätern von der Demokratischen Partei“, die sich von der CHP abgespalten hatten. Da galt es, ihnen allen eine gehörige Lehre zu erteilen und die Macht der Regierung zu zeigen.

In der Technischen Universität ging man in Seminare und stachelte Studenten auf. Die Polizei bereitete den Boden. Mit Parolen wie „Die Türkei darf nicht kommunistisch werden!“wies man den zornigen jungen Leute die Zeitung Tan als Zielscheibe. Einzelheiten des Überfalls erzählten mir Nail Çakırhan, der damals im Tan-Haus war, und einige der Drangsalierer.

Zunächst umzingelten sie das Gebäude, dann stürmten sie es und zerstörten, was auch immer sie vorfanden. Schreibmaschinen wurden aus den Fenstern geworfen, Bleilettern auf dem Boden verstreut, die Druckerei wurde – mit Hilfe von Zivilbeamten, die sich unter die Studenten gemischt hatten – kurz und klein geschlagen, so dass sie nicht mehr zu gebrauchen war.

Ziel war, die Herausgeber der Zeitung, das Ehepaar Sertel, zu ergreifen, mit mitgebrachter roter Farbe anzumalen und so durch die Straßen zu führen. Die Sertels aber waren vor dem Überfall gewarnt worden und hatten sich in Sicherheit gebracht.

Vorhang auf für die türkische Demokratie mit dieser Szene!

Der Ort für die Geburt der türkischen Rechten!

Der erste Knoten in der Kehle der türkischen Presse …

Raten Sie einmal, wer nach diesem Überfall als erstes festgenommen wurde.

Richtig: die Sertels!

Zekeriya Sertel und seine Frau Sabiha, deren Zeitung überfallen worden war, wurden wegen älterer Texte inhaftiert. Nach Monaten in Haft waren sie gezwungen, das Land zu verlassen.

Die Türkei begrüßte nach einer zweifelhaften Wahl die Demokratie, deren linker Flügel bereits lahmgeschlagen war, unterdessen verstarb Sabiha Sertel im Exil. Zekeriya Sertel konnte erst 30 Jahre später in sein Land zurückkehren.

Und die Stürmer?

Diejenigen, die die Zeitung gleich einer plündernden Meute überfallen und zerstört hatten?

Bei den Arbeiten an der Dokumentation „An jenem Tag“, die ich vor Jahren drehte, erfuhr ich, dass sich unter den Stürmern auch Süleyman Demirel befand, der damals an der Technischen Universität studierte.

Er dementierte das nicht, sondern rechtfertigte sich folgendermaßen: „Aber ich beteiligte mich nur an der Demonstration, nicht am Überfall.“

Und Turgutund Korkut Özal?

Und Necmettin Erbakan?

Schauten sie damals nur zu?

Beteiligten sie sich?

Die traurige Wahrheit lautet: Am Überfall auf die Tan waren zwei spätere Staatspräsidenten und ein späterer Ministerpräsident beteiligt.

Bei der Behandlung von Schwerverbrechern fordert man diese auf, von ihrer Kindheit zu berichten. Fordern wir unsere 70-jährige Demokratie mit ihrem langen Tatenregister auf, von ihrer Kindheit zu erzählen, fängt sie wohl beim Tan-Überfall als erster Tat an.

Diese Tradition brachte auch Leute wie [den AKP-Abgeordneten] Boynukalın hervor, die heute die Tageszeitung Hürriyet attackieren und sich einen Platz an Ministerpräsident Davutoğlus rechter Seite sichern. Den Weg zur Macht ebnete eine 70-jährige Tradition der Zerstörung, die sich als Randale an den Türen der oppositionellen Presse abspielte.

Sie machte die Demokratie noch in der Wiege zum Krüppel.

Journalisten wurden mal von Vandalen, mal von Steuerbeamten, mal von Justizangestellten umzingelt und gefangengenommen.

Seither sind die Verbrecher mächtig und die Mächtigen schuldig …

 

Übersetzung: Literatürk/sa

Original: "Güçlüler suçlu suçlular güçlü"

http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/441717/Gucluler_suclu_suclular_guclu.html


Kolumne von Can Dündar: "Laienhafter Anfängerspion" Cumhuriyet, 2. 12. 2015

In der Nacht, als Erdem und ich nach Silivri gebracht wurden, fragte man uns bei der Registrierung, aufgrund welcher Straftat unsere Verhaftung erfolgte: „Terror oder normales Verbrechen?“

Ich lehnte mich zurück, holte tief Atem und sagte mit einigem Ernst: „Ich bin ein Spion.“

Die Mischung aus Überraschung und Bewunderung, die das bei meinen Gegenübern auslöste, genoss ich.

Soweit so gut. Hätten sie gefragt, für welches Land ich denn spioniere, hätte ich keine Antwort gewusst. Wüsste ich sie, hätte ich gefordert, gegen einen Spion von dort auf einer Brücke ausgetauscht zu werden, aber sie fragten gar nicht.

Das Schlimmste ist, ich habe nicht einmal einen Beweis dafür in der Hand, ein Spion zu sein.

Laut Urteil des Richters bin ich ein laienhafter Anfängerspion, deshalb habe ich die Dokumente, die ich in die Hände bekam, gleich in der Zeitung als Schlagzeile herausgebracht. Und er hat mich gleich ertappt.

Das ist der einzige Beweis, den es gibt.

Da das Rechtssystem ein bisschen schwerfällig arbeitet, hat er das erst nach 6 Monaten gemerkt.

Wie der prügelnde Vater, der sagt: „Sobald die Gäste weg sind, zeig ich’s dir“, wartete er das Ende des G20-Gipfels ab. Sobald die Gäste weg waren, erließ er Haftbefehl, damit ich „die Beweise nicht verschleiern“ könne.

An dem Tag damals erschien die Zeitung in einer Auflage von 100.000 Exemplaren, es liegen also 100.000 Beweise vor.

Die muss ich schnellstens verschleiern.

Gleich in der ersten Nacht in Haft machte ich einen Plan: Ich schrieb einen Brief an unsere Spionagebande: „Sammelt sofort diese Zeitungen ein und schwärzt die Schlagzeile mit einem Filzstift zum Verschleiern!“

Das schrieb ich auf, faltete das Papier zum Kranich und schleuderte ihn zum Himmel hinauf.

Da zeigte sich dann meine Anfängerlaienhaftigkeit, der Brief blieb in den Gittern hängen!

Jetzt ist klar, dass mir wegen dieses Kranichs, der da in den Stacheldrahtgittern vom Gefängnis Silivri hängt, wegen „versuchter Verschleierung von Beweisen“ noch eine Extrastrafe blüht …

Gut, wenn der Brief nicht in den Gittern hängengeblieben, sondern bei der Zeitung gelandet wäre, hätte ihn wahrscheinlich keiner entziffern können, weil meine Handschrift ziemlich grässlich ist.

In meinem ersten Brief hatte ich geschrieben: „Sie haben mir meinen geliebten roten Stift geschickt.“ In der Zeitung stand dann: „meinen roten Koffer“. Seither wird meine Bleibe nach dem roten Koffer in dem Glauben durchsucht, ich hätte eine „chiffrierte Nachricht“ durchgegeben.

***

Am zweiten Tag wurde ich einer Psychologin zwecks „Besserung“ vorgeführt. Das gehöre zur üblichen Prozedur.

Jedem, der ins Gefängnis kommt, wird ein Fragebogen vorgelegt. Ein höfliches Fräulein und die Fragesteller fragten: „Wer hat Sie zu der Straftat verleitet?“

Meine Mutter“, gab ich zur Antwort. „Schon als Kleinkind las sie mir Bücher vor. Und mein Grundschullehrer.

Der brachte mir das Schreiben bei.“

Werden Sie weiter Straftaten begehen, wenn Sie freikommen?“

Sieht ganz danach aus. Sogar hier drinnen schreibe ich weiter, sehen Sie nur …“

Als sie dann noch hörten, dass ich um Don Quijote aus der Bibliothek bat, war ihre Diagnose wohl komplett.

***

Als ich auf das Urteil vom Richter wartete, gaben mir Celal Doğan und Celalettin Can, zwei erfahrene ehemalige Häftlinge, Unterricht im Hin- und Hertigern.

Celalettin sagte: „Du musst zügig gehen. Und ganz wichtig: schneide dem, der dir entgegenkommt, nicht den Weg ab.“

Jetzt laufe ich auf dem kleinen Hof meiner Zelle in Silivri allein auf und ab und bringe seine Ohren zum Klingen. Da ist keiner, „der mir entgegenkommt“.

 

Anstelle der Gefängnisse mit den vollen Gemeinschaftszellen, wo man Schulter an Schulter hin- und hertigert, sind jetzt Gefängnisse des F-Typs mit verschärfter Isolation getreten.

Selbst beim Hin- und Hertigern ist man allein.

Immerhin gibt es mitten auf dem Hof ein Gitter. Wenn man da hineinruft, dringt die Stimme durch die Kanalisation bis in die Stadt.

Als ich als laienhafter Anfängerspion das am zweiten Tag entdeckte, probierte ich es gleich aus, beugte mich zum Gitter hinunter und flüsterte: „Ohren des Midas … Hört mal, Lkws des MIT transportieren Waffen.“

Information von eurem Spion in Silivri.

***

Nun, lassen wir es mit so viel Spionage gut sein.

Noch habe ich kein Papier. Der Block für Bedarfsanforderung, auf dem ich diese Zeilen notiere, ist fast voll.

Auf die letzte Seite schreibe ich das, was ich von der Kantine brauche.

Wasserkännchen für Toilettengang à la turca.

Isolierband für die Tür gegen die Winterkälte.

Vileda-Bodenwischtuch.

Welches Flüssigreinigungsmittel war noch das beste?

Mir war also auch bestimmt, auf den Zettel, mit dem ich vorgestern Briefe an 28 europäische Regierungschefs, darunter Merkel und Hollande, schrieb, als Bestellung zu notieren: Pumpe gegen Kloverstopfung.

Ganz schön schwierig diese Spionagetätigkeit.

Na, immer noch besser als Diebstahl.

 

Liebe Grüße aus Silivri …

 

Abschied von Elçi

Seinen letzten Tweet setzte [der ermordete Vorsitzende der Anwaltskammer Diyarbakır] Tahir Elçi für uns ab … „Ihre Verhaftung ist ein schwerer Schlag für die Presse-, Meinungs- und Redefreiheit“, twitterte er. Und ergänzte: „Kommt es zu keiner heftigen gesellschaftlichen Reaktion, wird es schwierig sein, aus dem finsteren Tunnel ohne Wiederkehr zurückzukommen.“

Gleich nach dieser Nachricht zog dieser Tunnel ohne Wiederkehr auch unseren Friedensbotschafter Elçi in die Finsternis …

Wäre er inhaftiert gewesen, hätte er vielleicht noch gelebt …

Das sind die Alternativen: Besser als der Tod ist die Zelle des Tyrannen.

Als ein Unschuldiger, für dessen Rechte er eintrat – als der letzte gemeinsam mit dem Minarett auf vier Sockeln [vor dem Elçi seine letzte Rede hielt] - , verabschiede ich Elçi mit Hochachtung, in Dankbarkeit und voller Bewunderung.

Ihr habt lange nicht geschrieben …

Sicher wollt ihr schreiben:

Meine Adresse lautet A-1/5 Gefängnis Silivri

 

Übersetzung: Literatürk/sa

Original: "Acemi Casus"  http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/437903/Acemi_casus.html


Nachrichten von Can Dündar und Erdem Gül zur Petition auf Change.org.  2. 12. 2015

Can Dündar:

An die Freunde, die uns mit ihrer Unterschrift auf Change.org unterstützen…

Viele Jahre hindurch habe ich bei Signierstunden meinen LeserInnen meine Unterschrift gegeben.

Dann kam der Tag und das, was ich geschrieben hatte, brachte mich ins Gefängnis. Und nun geben meine LeserInnen ihre Unterschrift für mich. Jede einzelne ist enorm wichtig.

Ich hoffe sehr, dass diese Unterschriften die inhaftierten Journalisten in Freiheit und die Türkei in lichtere Tage bringen.

 

Herzliche Grüße euch allen,

Can Dündar.

 

Erdem Gül:

An all die Menschen, die Unterschriften für unsere Freilassung sammeln

Ich habe keine Straftat begangen. Mit Ausnahme von Journalistenvereinigungen war ich nie Mitglied oder wissentlicher Unterstützer irgendeiner Organisation. Sollte man mir außer dem Schreiben einer Nachricht irgendeinen anderen „Zweck“ nachweisen, beende ich aus eigenem Entschluss meine Journalistentätigkeit. Doch das können sie nicht. Da bin ich vollkommen im Reinen mit mir.

Das Schreiben von Nachrichten ist per se die Suche nach Recht und Gerechtigkeit.

Ich bin wegen einer Nachricht in Haft und ich suche weiter nach Gerechtigkeit. Die Suche wird fortdauern.

Diese Suche sehe ich auch in der Initiative, Unterschriften für uns zu sammeln. Ich grüße alle von Herzen, die unterschreiben, weil sie es als Unrecht empfinden, dass wir verhaftet wurden, nur weil wir unsere Journalistentätigkeit ausgeführt haben. Gut, dass es euch gibt! Auf Wiedersehen!

Erdem Gül

Block A1, Zelle 6, Silivri

 

Übersetzung: Literatürk/sa

Original: Can Dündar ve Erdem Gül’den mesaj var...

https://www.change.org/p/can-d%C3%BCndar-ve-erdem-g%C3%BCl-e-%C3%B6zg%C3%BCrl%C3%BCk-cand%C3%BCndarerdemg%C3%BClyaln%C4%B1zde%C4%9Fildir/u/14438974


Can Dündars Brief über die Ereignisse der Nacht der Inhaftierung: Cumhuriyet, 28. 11. 2015

 Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind die Blicke des Richters. Starre Blicke, hasserfüllt, voller Verachtung. Der bedauernde Blick des Arztes auf seinen Patienten. „Nun kannst du essen, was du willst“, sagten seine Blicke, als er unsere Verteidigung anhörte. „Nun kannst du sagen, was du willst. Du bist da angelangt, wo das Recht aufhört.“ Dabei waren wir vor Gericht. Er sprach 8 oder 10 Sekunden lang. „Ich habe Haftbefehl gegen Sie erlassen.“ Vielleicht nur 3 Sekunden. Ich erinnere mich… Jemand hinter mir sagte: „Schade um sie.“

Dann betraten Zivilpolizisten den Saal. Ich gab mein Notizbuch meinem Anwalt, wollte meine Frau sehen. Als ich sie umarmte, sagte ich ihr ins Ohr: „Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag“. Leute, die mich begleitet hatten, kamen herein, drückten meine Hand, sprachen mir Kraft zu. Ich sprach erst kurz mit (dem CHP-Vorsitzenden) Kılıçdaroğlu, dann mit (dem HDP-Vorsitzenden) Demirtaş, vielleicht je eine Minute. Sie sagten, ich solle stark sein, sie seien an meiner Seite. Applaus unterbrach unser Gespräch. In Begleitung der Parole: „Die freie Presse lässt sich nicht zum Verstummen bringen“, brach ich von dem Ort aus, an dem die freie Presse zum Verstummen gebracht worden war, nach Silivri auf.

 

Die Frage eines Polizisten
Als mich ein höflicher Zivilpolizist an der Tür fragte, ob ich etwas brauchte, sagte ich: „Gerechtigkeit.“ Er hatte an eine Toilette gedacht, „nicht nötig“, sagte ich. In Begleitung von 6-7 jungen Männern in Zivil von der Anti-Terror-Abteilung kam ich auf den Parkplatz runter, auch Erdem (Gül) brachten sie. Noch immer kamen wir uns wie Zwangsschauspieler in einem geschmacklosen Theaterstück vor. „Sie haben vermutlich Hunger“, sagte der bärtige, langhaarige Polizist. Wir hatten Hunger. Er schickte jemanden los, um Kekse für uns zu besorgen. Erdem reichte er eine Zigarette. Er war höflich.

 

Wie frische Luft atmen
Dort meine Anwälte Akın (Atalay) und Bülent (Utku) zu sehen, war wie unvermutet frische Luft einzuatmen. „Jetzt werden wir uns häufiger sehen als früher“, flachste Akın. Er rief Dilek an, sagte zu ihr: „Pack seine Sachen.“ Wir verabschiedeten uns. Mit drei Polizisten, einem davon auf dem Fahrersitz, machte ich mich auf den Weg. Nicht so, wie ich es immer gesehen hatte, hinten in der Mitte sitzend, in Handschellen, zuvor mit heruntergedrücktem Kopf in den Wagen bugsiert, untergehakt, gar nicht so, sondern wie auf eine Spazierfahrt, ganz normal. Wir fuhren zur Eyüp-Klinik. Der Weg, den ich jeden Tag zur Zeitung fuhr. Die Fahrt, von der ich immer hoffte, sie sei bald zu Ende, nun hoffte ich, sie sei nie zu Ende. Voller Geduld. Still für mich hieß ich die Geduld willkommen. Ich begrüßte diese alte Freundin, die ich so lange vernachlässigt hatte: „Nun werden wir eine Weile beisammen sein, die Hektik soll ein bisschen ausruhen …“

 

Das Staunen des Arztes
Die Notaufnahme der Klinik ist voller müder, matter, blasser Patienten. Der junge Arzt in der Kammer am Eingang blickt mir überrascht ins Gesicht. „Hätte ich doch das Handy da!“ Von diesem besonderen Tag ein kleines Foto mitnehmen, als Erinnerung… „Sind Sie verletzt?“ „Nein.“ „Gut, dann will ich Sie nicht aufhalten. Sie können gehen.“ Wieder unterwegs. „Mir fällt ein Artikel von Ihnen über die Bildung ein“, damit ist die Unterhaltung eröffnet. Ich rede mit den Polizisten über (den frühen Erziehungsminister) Reşit Galip, über seinen berühmten Auftritt am Tisch Atatürks, über die Wahrscheinlichkeit eines Kriegs mit Russland … Bei der Toilettenpause schmilzt die Atmosphäre mit Erdems Frage, wie realistisch Krimiserien seien. Ein Pärchen mit liebevollen Blicken kommt aus dem Park, kommt auf uns zu. Die Polizisten drängen sie ab, sie rufen: „Wir sind mit euch, wir unterstützen euch!“ Mitten in der Nacht Munition fürs Herz.

 

Kekse auf der Fahrt nach Silivri
Schon seltsam, ich hatte mir vorgestellt, an diesem Abend mit Dilek zur Feier unseres Hochzeitstags essen zu gehen, nun sitze ich auf dem Rücksitz eines Wagens auf der Fahrt nach Silivri und esse Kekse mit einem Zivilpolizisten. Ganz offensichtlich wird in meinem Leben eine neue Seite aufgeschlagen. Eine Seite, von der ich nicht weiß, wie viel davon ich selbst werde schreiben können und wie viel die Umstände diktieren werden. Wie geht es wohl meiner Mutter? Meinem Vater? Meinem Sohn Ege? Meinen Lieben? Meinen Freunden? „Wenn sie doch nur wüssten, dass ich mich insgeheim amüsiere, und nicht traurig sind!“, denke ich. Die Zeitung durchlebt wirtschaftlich eine schwierige Phase, die Raten für das Haus lasten schwer … Ich stand kurz davor, das Telefon auszustöpseln, um mich zurückzuziehen und ein neues Buch zu schreiben. Nun ist genau das geschehen.

 

Einleitung für das neue Buch
Als wir nach dem 12-stündigen Abenteuer bei Gericht gegen Mitternacht in Silivri einfuhren, dachte ich über die Einleitung des Buches nach. Plötzlich Blitzlichter. Journalistenfreunde sind hier am Tor. Eine Szene, wie wir sie in Paparazzi-Programmen gesehen haben. „Am Tor von Silivri wurden wir von einem Zivilpolizisten ‚erwischt’.“ Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte ihnen gesagt, dass wir diesen Kampf liefern, damit sie unter sehr viel freieren Umständen ihre Journalistentätigkeit ausüben können. Dass sie, wenn diese rechtlose Rüpelei, diese eitle Unterdrückung andauern, bald gar keine Nachrichten mehr werden schreiben und veröffentlichen können… dass man sie vollkommen zum Verstummen bringen wird…

 

Ein Selfie wäre besser gewesen
Die Registrierung dauert ewig. Während sie schreiben, mustere ich den gelb gestrichenen Steinfußboden. Eine Weile werden wir keine Erde unter den Füßen spüren. Der Himmel wird auf eine Handvoll zusammenschrumpfen. Ohne schreiben zu können, besteht zwischen Draußen und Drinnen kein Unterschied. Ich gebe meine Fingerabdrücke und lächle, als ich als Häftling posiere. Ein Selfie wäre besser geworden. Die diensthabenden Beamten sind trotz der langen Nacht höflich. Sie nehmen mir das Portemonnaie ab, schicken mir aber nachher die Familienfotos. Auch meinen geliebten roten Koffer. Eine Weile wird er mein Genosse sein.

 

Meine neues Haus ist zweigeschossig
Zahllose Eisengitter öffnen und schließen sich, zerreißen die Stille der öden Nacht. Dann stehen wir vor einem braunen vergitterten Gebäude. An der Tür steht A-1-5. Ein letztes Mal werde ich durchsucht. Ich betrete mein neues Haus. Zweigeschossig. Im Erdgeschoss von 6x8 Schritten Küche und Wohnzimmer, Toilette und Bad. Ein Kunststofftisch und Stuhl. Die Leuchtstoffröhre brennt. Das vergitterte Fenster geht auf einen Hof, der ein wenig größer ist als das Wohnzimmer. Das ist von nun an mein Garten. Stahldrähte am Himmel… Die schwere Eisentür schließt sich wie mit einem „Nun befreie ihn Gott“ hinter mir. Im Obergeschoss stehen drei Betten und drei Schränke. Erdem ist nebenan. Wir sind beide allein. Die Müdigkeit überfällt mich. Wegen des Hochzeitstags hatte ich mein protzigstes Jackett und das Hemd mit der verdeckten Knopfleiste angezogen. Sorgfältig lege ich beides ab. Umgebung und Kleider starren einander befremdet an. 
Hier ist der Ort, durch den alle kommen, die auf der ganzen Welt gegen Repression, Unterdrückung und Unrecht kämpfen…Das gemeinsame Zuhause der Menschheit und allen, die schreiben. Mit diesem Wissen und friedlichen Gedanken gehe ich schlafen.

Ich höre fernen Applaus und fernes Schluchzen. Die Nacht ist kurz. Der Morgen nah. Mit lieben Grüßen…

 

Übersetzung: Literatürk/sa

Original: "Can Dündar, tutuklandığı gece yaşadıklarını mektupla anlattı" 

http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/435019/Can_Dundar__tutuklandigi_gece_yasadiklarini_mektupla_anlatti.html